Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 15 (11.4.1871)
- Date
- 1871-04-11
- Page
- Seite 309 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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Ä Allgemeine 4^ HA Femlletlm-Mlage zu Rr. 15. Leipzig, den 11. April 1871. Mitthtilungeu aus Rußland. J. Russisch-jüdische Künstler. Ueber den akademischen Künstler, Herrn Antokolski, unseren berühmten Glaubensgenossen, veröffentlicht der bekannte russische Schriftsteller Turgeniew in den „St. Petersburger Nachrichten" einen biographischen Artikel, dem wir nach dem „Wiestnik" Folgendes entnehmen: „Mark Matwiejewicz Antokolski wurde im Fahre 1542 in Wilna geboren. Bis zu seinem 13. Lebensjahre half der kleine Mark seinen Aeltern, welche daselbst ein Gasthaus hielten, in der Wirthschaft, lenkte aber durch sein leidenschaftliches Talent zum Zeichnen die Aufmerksamkeit der Besucher desselben in einem so hohen Grade auf sich, daß diese selbst die Aeltern auf die Fähigkeiten und Neigungen des Knaben aufmerksam zu machen sich gedrungen fühlten. Nichtsdestoweniger wurde er vom Vater zu einem Posamentirer in die Lehre gegeben, wo es indeß dem zeichenlustigen Knaben nicht sehr gefiel. Hierauf brachten ihn die Aeltern zu einem Bildhauer, der ihn jedoch so stark beschäftigte, daß der junge Antokolski ganze Nächte hindurch in feinem armseligen Dachstübchen sich versteckt halten mußte, nur um seinem Drange zum Zeichnen folgen zu können. Bald, in seinem 17. Lebensjahre, verließ er auch diesen Herrn, da der Aufenthalt bei demselben zu reich an Entbehrungen und Anstrengungen für ihn war,-und erwarb sich seinen Unterhalt durch Kupferstecherei. Im 22. Lebensjahre verfertigte er zwei Köpfe aus Holz: „Christus und die Mutter Gottes"; Prof. Pimenow, der diese vielverheißende Arbeit in Augenschein nahm, bewog ihn, in die Akademie als Freihörer einzutreten. Im Jahre 1864 schnitt er „den Juden-Schneider" in Holz, wofür er dir silberne Medaille erhielt; 1865 „den Geizhals", wofür ihm abermals eine silberne Medaille und überdieß noch ein Stipendium Seitens des Kaisers Alexander zu Theil wurde. In der höheren Gesellschaft, sowie in der Presse würde der Ruf Antokolski's bereits lebhaft gefeiert; sein Ruhm stieg durch seine beiden folgenden Arbeiten: „Christus und Juda" und „Ueberfall der Inquisitoren auf die Juden". Nach beendigten akademischen Studien als Freihörer begab sich A. nach Berlin, kehrte aber alsbald von dort zurück, um sein bisher bedeutendstes Werk „Iwan Grosnoj" (Johann der Strenge) zu vollenden, das ihm seine Ernennung zum Akademiker eiutcug; auch soll ihm der ehrenvolle Auftrag geworden sein, diese Statue in Bronze auszuführen." Die weiteren Mittheilungen, die sich nur auf die Kunstkritik beziehen, übergehen wir, als für das größere Publicum ohne besonderes Jnteresie: doch wollen wir nur noch der Schlußworte des Herrn Turgeniew Erwähnung thun: „Zu unserem tiefsten Bedauern hören wir, daß die Gesundheit des Herrn A. derart erschüttert ist, daß die Aerzte ihm eine Reise nach Italien dringend angerathen haben. Da der ausgezeichnete Künstler selbst unvermögend ist, so hoffen und wünschen wir aufs Lebhafteste, daß ihm von Seiten feiner zahlreichen Freunde und Verehrer die Mittel zur Reise in's Ausland und zur Herstellung seiner Gesundheit schleunigst zur Verfügung gestellt würden!" — Die russische Presse bespricht auch noch die hervorragenden Leistungen anderer berühmter Künstler, die Israeliten sind, so des Herrn Grileches in der Modell« Abtheilung der Kunstakademie, der auch bereits durch eine Medaille ausgezeichnet wurde. Der „Wiestnik", dem wir, wie bereits erwähnt, diese Mittheilungen entnehmen, macht hierzu eine Bemerkung, die vielleicht auch auf andere Länder und journalistische Kreise paßt: „Es ist merkwürdig und bedauerlich zugleich, daß gewisse russische Blätter, wenn sie nicht umhin können, irgend welche hervorragende Leistungen Seitens des einen oder des anderen unserer Glaubensgenossen zu besprechen, stets unterlassen, zu erwähnen, welcher Glaubensgemeinschaft dieser angehört, waS ihnen aber niemals widerfährt, wenn vielleicht irgend ein Verworfener, der zufällig Jude ist, sich einer schlechten Handlung schuldig macht!"