Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 11 (14.3.1871)
- Date
- 1871-03-14
- Page
- Seite 220 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Gesetze vom 4. März 1570 den protestantischen, anglicanischen und israelitischen Eultusgemeinden das Recht juristischer Personen verliehen wird. (Hiernach wird nun wohl auch die Gemeinde in Brüssel das Recht haben, ein Grundstück zur Erbauung einer neuen Synagoge zu kaufen, was ihr als blos religiöser Genossenschaft nach den belgischen Gesetzen bis jetzt sehr erschwert war. Redact.) Rußland. Moskau, im Februar. Tie moskauer Blätter berichten von einer interessanten Untersuchungssache, die Ende vor. Mts. vor dem Eriminalgericht in Moskau gegen einen gewissen Katzmann verhandelt wurde, und die einen tiefen Einblick in das in Rußland herrschende abscheuliche Berfolgungssystem gegen Andersglaubende gewährte. Ter Angeklagte ist beschuldigt, von der russisch-orthodoxen Kirche zirm Judcnthum übergetreten zu sein, und deshalb durch das Gesetz mit lebenslängsicher Deportation nach Sibirien bedroht. Er führt zu seiner Bertheidiguna an, daß er von jüdischen Aeltern geboren, in seinem elften VebenSjahr aber heimlich und auf gewaltsame Weise aus dem älterlichen Hause entführt und in eine entfernte Soldatenschule gebracht worden sei, wo man ihn durch Monate lang fortgesetzte körperliche Mißhandlungen und andere harte Strafen gezwungen habe, die christliche Taufe anzunehmen. Er habe noch bis zum letzten Augenblick, als er schon in Gegenwart des Geistlichen vor dem Taufbrunnen stand, gegen die ihm augethane Gewalt jammernd und weinend protestirt, aber auf seinen Protest sei keine Rücksicht. genommen worden. Er habe deshalb die gewaltsam an ihm vollzogene Taufhandlung zwar dulden müssen, cr habe sich aber nie als Bekenner der orthodoxen Kirche betrachtet, und auch nie an dem christlichen Gottesdienst oder an den Sacramenten Theil genommen, sondern sei in seinem Herzen der jüdischen Religion treu geblieben, und habe in späteren Jahren, als sich ihm die Gelegenheit bot, fick auch wieder offen zu derselben bekannt. Ties mit sichtbarer innerer Rührung abgelegte und durch unverdächtige Beweise der Wahrheit unterstützte Bekcnntniß machte auf die Richter und auf alle Anwesenden einen so tiefen und erschütternden Eindruck, daß dem 25-jährigen jungen Manne, der trotz aller Verfolgungen und Mißhandlungen seiner religiösen Uebcrzeugung treu geblieben war, von vielen Seiten die innigste Theilnahme kundgcgeben wurde, und durch einstimmigen Richtcrspruch seine gänzliche Freisprechung erfolgte. Das mit aller bisherigen Rechtspraxis und selbst mit dem Buchstaben des Gesetzes im Widerspruch stehende freisprechende Unheil hat im Lager der russischen Orthodoxen große Entrüstung und Bestürzung hervorgerufen, ist aber von allen edeldenkeudcn Russen und auch von einem Thcile der russischen Tagespresse mit lautem Beifall ausgenommen worden. (Man sollte nicht glauben, daß der brutale Fanatismus so weit gehen könne, einerseits derartige Gewalttharen zu vollführen, andrerseits die Folgen derselben nicht verwischen und mit dem freisprechenden Urtheile des Gerichtshofes sich einverstanden zu erklären! Redact.) Anzeigen. Lehrer-Vacanz beider Gemeindeschule zu Aurich; Antritt 1. Juni er.; Fixum 250 Thlr.; Nebeneinkommen durch Privatunterricht 50 Thaler «ohne Garantie). Bewerbungsgesuche an den Israelit. Schulvorstand: W. Samson. Für 2 Knaben im Alter von 12 bis 14 Jahren, die das Gymnasium besuchen, wird zu Ostern d. I.' ein Hauslehrer jüdischer Confession, der Universitatsstudien durchgemacht hat, am liebsten Philologe, gesucht. Die Expedition dieser Zeitung theilt Bewerbern das Weitere mit. Knaben-Lehru. (Erziehungsanstalt zu Heidelberg. Ein geprüfter Elementarlehrer wird zum Beginn des Sommersemesters gesucht. Näheres beim Vorsteher Dr. H. Reckendorf. Ein unverheiratheter Kaufmann von gesetzten Jahren, der viele Jahre ein größeres Tuch- und Mcmufacturgeschäst selbstständig leitete und dafür auch die Einkäufe auf den Messen besorgte, auch im Productenges(hafte (Getreide, Wolle, Häute u. Felle) Erfahrung hat, wünscht baldigst ein paffendes Engagement. Bei entsprechender Aussicht würde derselbe auch überseeisch gehen. Gute Referenzen stehen zur Seite. Reflectirende wollen sich gefälligst unter Cbiflre A. T. an die Expedition dieser Zeitung wenden.