Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 30 (1866)
- Issue
- Heft 23 (5.6.1866)
- Date
- 1866-06-05
- Page
- Seite 363 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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und gelungener Figuren, die er in gewohnter Lebensfülle wiederum vor uns erstehen läßt, befindet sich der alte Jude Riah, der sich aus Pietät verpflichtet fühlt, dem jungen Schurken Fledgeby seinen Dienst als Buchhalter nicht zu versagen. Als aber Riah einen klaren Einblick in den schlechten Charakter seines jungen Herrn gewinnt, verläßt er denselben sofort, und erklärt dies seiner kleinen Freundin mit folgenden Worten: „Es war so schlimm, daß ich dir auf der Stelle sagen will, was für einen Eindruck es auf mich machte. Ich war mir selbst verhaßt, weil' ich jenem Schuldner und dir verhaßt sein mußte. Aber mehr als das und schlimmer als das undweit und breit über meine Person hinaus, bedachte ich an jenem Abend, als ich allein in dem kleinen Garten auf dem Dache saß, daß ich meinem alten Glauben und meinem alten Stamme Unehre anthäte. Ich sah ein, sah es zum ersten Male klar ein, daß wenn ich meinen Nacken unter das Joch beugte, das ich mich bereit finden lassen wollte^ zu tragen, ich den Nacken des ganzen jüdischen Volkes unter dies Joch bringen würde. Denn es ist in christlichen Ländern mit den Juden nicht so wie mit andern Völkern. Die Leute sagen, das ist ein schlechter Grieche, aber es giebt gute Griechen, das ist ein schlechter Türke, aber es giebt gute Türken. So ist es nicht mit den Juden. Man findet die schlechten unter uns leicht genug heraus — unter welchem Volke werden die schlechten nicht leicht gefunden? — aber man nimmt die schlechtesten von uns als Modell der besten; man nimmt das niedrigste unter uns als Vertreter des höchsten und dann sagt man: die Juden sind einer wie der andere. Wenn ich, der ich das Werk hier gethan habe aus Dankbarkeit für vergangene Zeiten und weil ich wenig bedarf, wenn ich ein Christ wäre, dann könnte ich es ruhig thun ohne irgend Jemand zu compromittiren als mich selbst. Aber thue ich es als Jude, so muß ich alle Juden in den verschiedensten Verhältnissen und in den verschiedensten Ländern compromittiren. Es ist ziemlich hart für uns, aber es ist die Wahrheit. Ich wollte, daß alle unsere Leute daran dächten." Auch wir stimmen mit einem feierlichen Amen in diesen frommen Wunsch ein! Ja, wir wollten schon dieses an sich so.ungerechte Vorurtheil gerne gelten lassen, wenn es anderseits wiederum zur Hebung und zum Ansporn der Moralität und Rechtlichkeit beitragen möchte. Als ein wirksames Motiv zur Abwehr gegen die Sünde lassen wir uns auch diese moralische Bürgschaft wohl gefallen. Wahrlich wenn alle unsere Leute öfter daran dächten, wenn ich ein Christ wäre, dann könnte ich es ruhig thun ohne Jemand zu gefährden; aber als Jude würde ich alle Juden compromittiren: so würde sich dieser Fluch bald in Segen verwandeln. D. Oppenheim, Rabbiner.- Schweiz. Lengnau, 23. Mai. (Salomon Stein heim.) Am Vorabende des Festes der Offenbarung hauchte ein Mann seinen Geist aus, der den Mittelpunkt seines Daseins, seines Forschens und Wirkens in der Offenbarung der Religion fand: Salomon L. Stein- Heim verschied Samstag den 19. Mai in Zürich im 78. Altersjahre. Früher in Altona, seinem Geburtsorte, als ausgezeichneter Arzt und als medizinischer Schriftsteller verehrt, lebte er seit 23 Jahren in Rom den Wissenschaften in vielseitigen Studien und erwarb sich durch seinen Kunstsinn und seine wohlwollende Gastfreundschaft auch dort viele Freunde. Um wie im vorigen Sommer mit seiner fast ebenso alten Gattin in der Nähe von guten Freunden in Zürich den Sommer zu verbringen, ist nach achttägigem Aufenthalte seine edle Seele ins bessere Leben hinübergegangen. Steinheim, ein Mann voll begeisterten Strebens, war ausgezeichnet als Arzt, Philosoph und Dichter. Er hat sich in den herrlichen Gesängen seines „Obadiah" und „Sinai", in seinem Werke „die Offenbarung nach dem Lehrbegriffe der Synagoge", dessen erster Theil vor drei Decennien und dessen dritter Theil erst vor wenigen Jahren durch Subvention des „Instituts zur Förderung der isr. Literatur" erschien*), in seinem „Moses Mendelssohn und seine Schule" und in verschiedenen philosophischen Abhandlungen, welche er in dieser Zeitung, in Geiger's, Frankens u. A. Zeitschriften veröffentlichte, ein bleibendes Denkmal gesichert. Sein Herz war mit ungetheilter Hingebung, ja mit einer gewissen Begeisterung seinem Glauben und seinen Glaubensbrüdern zugethan, und trat er auch, thatkräftig wie er war, offen *) Vor wenigen Wochen ist ein vierter Theil bei Gebr. Boon in Altona erschienen, wir werden darüber referiren. Redakt. . 23