Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 30 (1866)
- Issue
- Heft 1 (2.1.1866)
- Date
- 1866-01-02
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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selbst, einige Blicke in das Allgemeine der Zustände, Richtungen und des Charakters unsrer Zeit zu werfen. Das Geschick dieses Blattes war ein einfaches, und selten unruhiges,^ wenig von einem Sturme, niemals von einem Schiffbruch bedrohtes. Aber in seinem Innern spiegeln sich die Kämpfe dreier Jahrzehnde wohl ab, und die Unruhe der Zeiten und ihre Wirren lassen sich aus jeder Seite herauserkennen und herauslesen. Doch fürchte der Leser nicht, als ob wir ihn durch diese ganze Vergangenheit noch einmal führen, ihm alle die gelösten und ungelösten Fragen noch einmal vorlegen und das oft Besprochene noch einmal besprechen wollten. Dies ist die Sache des künftigen Geschichtsforschers. EineZeitschrist ist ein Kind der Gegenwart, und nur an die Gegenwart muß sie sich halten. Wer jetzt einen überschauenden Blick auf irgend ein Gebiet menschlicher Arbeit wirft, wird nur in wenigen einen Zustand lichtvoller Ordnung, eine einheitliche Richtung, einen bestimmten Pfad mit seinem sichern Ziele finden. Ueberall ein erfolgreiches Arbeiten im Einzelnen und Speziellen, und darüber ein allgemeines Chaos, ein Durcheinander der Anschauungen, Systeme, Grundsätze, die entgegengesetztesten Strömungen, Zusammenstoß von allen Seiten. Und dies besonders in der Religion, in allen höheren Fragen des menschlichen Daseins, in allen Erkenntnissen und deren Folgerungen. Wie oft wurde und wird da die Frage an uns gerichtet, und wie oft begegnen wir ihr in allen möglichen Schriftwerken: was wird da die Zukunft sein? Was wird das Ende alles dessen, was das Ziel insonders der Religion sein? Was wird daraus werden? Ueber diese Frage einige Betrachtungen anzustellen und unsre Ansicht auszusprechen, ist es, wozu wir uns heute bewogen fühlten. Hierzu jedoch Einiges voran. Von Beginn an hielten wir stets zwei Gesichtspunkte fest. Der eine: Die Dinge möglichst so anzusehen und ungeschminkt darzustellen, wie sie sind. Wir wissen sehr wohl, daß der Mensch augenblicklicher Stimmung gar sehr unterworfen ist, und diese ihm trotz besten Willens gefärbte Gläser vor die Augen hält; ebenso daß er sich fast immer zwischen Hoffnungen und Täuschungen bewegt, welche ihm die Erscheinungen dieser Welt bald in farbigem Glanze und in der Frische der Jugend, bald entstellt und blut- und leblos zeigen. Doch ist es dem ernsten und aufrichtigen Streben gestattet, fich von allen diesen Irrungen beinah frei zu machen und aus dem Für und Wider, aus Licht und Schatten, aus Bild und Gegenbild das Richtige und Wirkliche herauszusondern. Der andere ist: auch das Judenthum nicht als ein singuläres, völlig gesondertes Dasein zu betrachten, sondern in Verbindung und Wechselwirkung. mit allen andern Erscheinungen der Menschenwelt aufzufaffen. Seitdem es in seinem göttlichen Ursprung, durch Moses, durch die Propheten und die h. Skribenten seine erste und wesentliche Gestaltung empfangen, hat das Judenthum stets in solcher Verbindung und Wechselwirkung mit andern Erscheinungen der Menschenwelt gestanden, und es ist dem Forscher überklar, wie es gegeben und empfangen hat, wie der Geist der Zeiten auf dasselbe gewirkt, und. wie es ihn beeinstußt hat, wie es den Strömungen gefolgt, und deren Richtung mitgeschaffen hat. Ja, es läßt sich deutlich Nachweisen, daß das Judenthum nur dann abgeschlossen und gänzlich gesondert bestand, wenn es in sich erstarrt und vom Geistesschlafe gefesselt ward, und ebenso umgekehrt. Seine höchsten Schöpfungen gingen aus Zeiten hervor, wo ein frischer Hauch der Bewegung durch die Menschenwelt wehete, und auch anderswo ein neugestaltender Geist lebendig war. Und so fand es auch in dem verflossenen Jahrhundert statt, und seitdem die Bekenner desselben immer mehr in das allgemeine Culturleben einlenkten, wurden sie von dessen Bewegungen ergriffen, und ihre, religiösen Zustände entwickeln sich analog aus denselben Motiven. Gestaltet sich daher das innere Leben des Judenthnms auch spezifisch nach seiner Art, so liegen doch dessen Motive in denselben allgemeinen Ursachen, die auch auf den andern Gebieten ähnliche Erscheinungen Hervorrufen. — Zu aller Zeit hat es eine Verneinung gegeben. Nicht allein bei den Völkern und in den Zeiten, wo die Religion theils als Philosophie, theils als Volksmythologie bestand, mußte sie es sich gefallen lassen, daß die freie Entfaltung des Geistes in ihren Gegensatz verfiel, sondern auch da, wo sie als eine abgeschlossene Pofitivität herrschte. Ja, je strenger sie sich als solche aufstellte, und je drückenderes Joch ihre Diener deshalb auf den Nacken des Menschengeistes legten, desto rascher und furchtbarer bereitete sich die Verneinung vor, um unerwartetzu einem gewaltigen Kampfe hervorzutreten. Materialismus, Mechanismus, Atheismus und Pantheismus sind nur verschiedenartige Auffassungen derselben Verneinung dessen, was von Beginn an und durch alle Jahrtausende in den Menschengeistern gelebt, was mit der Natur des menschlichen Geistes völlig verwachsen, was. in seinen Gesetzen gelegen ist. Aber zwischen dem wildbeegten Ocean der Verneinung und den starren Felshöhen