Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 21 (1857)
- Issue
- Heft 12 (16.3.1857)
- Date
- 1857-03-16
- Page
- Seite 154 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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154 die die Reste jenes abgelehnten Judengesetzes von 1844 in sich tragen. Daß jene Skizze von vorn herein tendenziös ist, kann Niemand überraschen; doch ist ein ganz eigener Weg heschritten, um ihr Eingang zu verschaffen, freilich nur bei einem sehr kleinen Haufen, wie in der Vorrede gleich angedeutet wird. Es ist nämlich Herrn Wagener diesmal darum zu thun, das Judmthum als den gleichen Schrittes mitlaufenden Prügelknaben für das Christenthum darzustellen und da tritt er denn — mit wie vieler Aufrichtigkeit, das bleibe dahingestellt — als Visionär auf, und parallelifirt die zwei Systeme dann mit leichter Mühe dahin, daß sie Beide den Messias herbeizaubern wollen — nur daß die Juden ihn zum ersten, die Christen aber zum zweiten Male erwarten. Geschwindigkeit ist keine Hexerei! wie man sieht. Die Eigenschaft eines Visionärs aber gewährt den Vortheil, daß sie von aller Rücksicht auf die gegenwärtige Sachlage, auf geschichtliche Treue und auf logische Konsequenz befreit. Ein Visionär darf einseitig, darf mit der unschuldigsten Miene parteiisch sein, ein Visionär darf sich selbst widersprechen, ein Visionär braucht nicht einerlei Maß und Gewicht für alle Welt zu führen, ein Visionär legt sich seine eigenen Angaben zurecht und freut sich dann, wie seine Orakel so schön eintreffen. Er giebt z. B. Sätze als „das Judenthum besteht doch einmal nur im Buchstaben des Gesetzes", oder „die Rabbinen haben die Succession des Priesterstammes mit allen seinen Vorrechten übernommen" als bekannte Axiome in kurzen Parenthesen. Ein Visionär findet es überaus monströs, daß ein Jude Lord-Mayor von London und mithin Richter über Millionen Christen sei — und das noch obendrein zu allseitiger Zufriedenheit — aber er findet es ganz natürlich, wenn ein Außenstehender — nämlich er selbst, sich in unsere innersten Religionsanschauungen eindrängt und uns erklären will, was wir eigentlich wollen, welche von uns die eigentlichen Juden find, und wie wir unsere Sachen einrichten sollen, und er weiß das Alles sogar besser als der Rambam, besser als Abarbanel, besser als Moses Mendelssohn in Berlin und Cologna in Paris, besser als Rabbi David Sinsheimer in Straßburg und als Rabbi Salomon Trier in Frankfurt. Ein Visionär bestimmt uns dazu, ewig Folie für Andere zu sein und in dieser Welt nie selbst Juwelen zu werden; ja er meint, wir seien ihm noch Dank für dieses Arrangement schuldig. Ein Visionär kann nicht laut genug Mirakel schreien über das Wunder der Erhaltung des Judenthums, kann aber die leidliche Entwickelung der chinesischen Welt, mehr als eines Drittels des Menschengeschlechts, ohne altes und ohne neues Testament, er kann die Erhaltung des Brahmismus unter den ungünstigsten Umständen, er kann die Entstehung der Buddha-Religion und des Islams ganz naturgemäß nennen. Eine gemeinschaftliche Ursprungsquelle mag jene wiederbelebte erste und zweite Messtashoffnung haben, es ist aber schwerlich die von unserem Visionär gemeinte: die Unzuftiedenheit mit den gegenwärtig in Europa gangbaren Ideen über die künftige Welt. -— Abzusehen aber von dem Visionär, und direct mit seinem zahmen Achirophel zu reden, wird schon jede der „das Judenthum bewegenden Parteien" Gelegenheit nehmen, wenn sie es der Mühe werth achtet; denn weder die Ultrareformer, noch die gemäßigten Reformer, noch die Neu-Orthodoxen werden sich in dem aufgestellten Bilde erkennen. Was aber die „Eigentlichen" anbelangt, eine Partei, die, wie die dem Buche als Füllsel angefügte Eingabe der „Berliner Altgläubigen" zeigt, leider noch immer keinen anstänvigen deutschen Aufsatz zu liefern im Stande ist, so hat sich diese eigentlich am meisten über Wagener zu beklagen. Ihre Genossen werden das ganze Buch hindurch als Leute geschildert, die Jahr ein Jahr aus Tag vor Tag nichts Anderes thun, als auf die Ankunft des Messias lauern, während unter ihnen doch höchstens so viele im Ernste daran denken, als etwa Christen auf das tausendjährige Reich. Nein, auch im Religiösen sind diese Juden, wie auch ganz recht und billig, mit dem Wohl und Weh ihrer eigenen Person und Familien beschäftigt. Welches Gebet unter allen den Pijutim und Selichot wird in allen altgläubigen Synagogen am höchsten gehalten, am wenigsten versäumt und überhört, überhaupt als der Centralpunkt des ganzen Gebetcyclus von Männern, Weibern und Kindern geachtet? Ist es etwa der Satz, der mit le-ben Jischay meschichecha endet? Nein, es ist der Unzane tokef, eine vor etwa 400 Jahren entstandene anthropomorphistische Schilderung des Jahresgerichts im Himmel, welche von jeher und noch heutigen Tages von allen sefardischen Synagogen als lästerlich und schlechterdings unjüdisch verworfen wird. Aber die Stellen „wer bestimmt wird zum Leben, wer zum Tode, wer zum Verbrennen, wer zum Ertrinken, wer zum Erhöht-, wer zum Erniedrigtwerden, wer zum Reichthum, wer zur Armuth"-diese ganz materiellen und persönlichen | Erwägungen wirken einmal mehr als alles Schmach-