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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1851-06-30 · Heft 27 (30.6.1851) · p. Seite 310

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
15 (1851)
Issue
Heft 27 (30.6.1851)
Date
1851-06-30
Page
Seite 310 (sequence 2)
Language
German
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310 In den Schooß der Vergangenheit — Keine Fesseln und Märtyrermale, Kein ehernes Joch und bohrender Dorn. Wahrheit, Recht und Liebe, Hoch droben im Sonnenstrahl, Vom goldnen Buche Leuchtend und schimmernd Durch alle Geister Durch alle Welt. . . . Wer kömmt dort von den Wüsten Herauf im purpurnen Kleid?... Trag wohl, Israel, dein Buch, Und das geflammte Schwert ohne Scharfe und Spitze, Und das Szepter von Lilien gewirkt. . . Hoch leuchtet schon der Sonnenstrahl Von der Demantschrift, Und die Fesseln fallen und die Wunden heilen ... Immer heller wird's, immer strahlender, Immer weiter leuchtet es durch die Welten — Es ist Wahrheit! Leitende Artikel. Jüdische Erziehung. Von Uri. (Fortsetzung.) Als in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts Basedow das berühmte Pilanthropin in Dessau gründete, um die Rousseau'schen Erziehungs- und Humanitätsideen praktisch auszuführen, forderte er auch Moses Mendelssohn auf, dahin zu wirken, daß sich auch die jüdischen Glaubensgenossen daran betheiligen und Zöglinge in das Institut schicken möchten. Mendelssohn antwortete in einem Briefe, nach seiner Art, bescheiden, aber ablehnend. So sehr er das Streben des Erzkehungsresormators billigte und bewunderte, so wenig wäre für seine Glaubensgenossen eine Theilnahme wünschenswerth. Sollten dieselben einer höhern Bildung zugeführt werden, um den Zwiespalt, in welchem sie sich mit der Welt befinden, nur desto deutlicher erkennen und empfindlicher gewahr zu werden? — Run, es war nicht viel daran gelegen, daß keine Juden nach dem Philanthropin kamen. Dies ging bald unter, ohne überhaupt viel genützt zu haben; aber der Weltweise irrte sich doch. Der Schmerz des Zwiespaltes der innern Bildung mit der äußern Welt kann weder dem Individuum noch den Völkern erspart werden. Die richtige Bewältigung dieses Schmerzes macht das ganze Leben aus. Am Wenigsten wurde er den Juden und dem Judenthum erspart. Mendelssohn vergaß in jenem Augenblicke, daß zuerst das Bedürfniß gefühlt werden muß, ehe es seine Befriedigung verlangt. Er mochte aber wol einsehen, daß ein künstliches Erwecken des Bedürfnisses, wie es durch jene auf weitgehenden Ideen gegründeten — und hinter ihnen so weit zurückbleibenden Anstalten geschah, nur Schaden bringen konnte, seine Glaubensgenossen nur unvorbereitet in die glänzende Außenwelt führen könnte, ihre Augen blenden, aber nicht erleuchten würde. Der Bildungsgang, der ihm vorschwebte und in welchen er das Judenthum und seine Anhänger leiten wollte, war viel naturgemäßer, einfacher, praktischer. Er wollte ihnen zuvörderst nicht die religiöse Häuslichkeit rauben, in welcher sie sich ruhig, also auch glücklich fühlten. Denn das erste Bedürfniß und der wahre Genuß jeder Häuslichkeit ist Ruhe. Ec selbst nahm ja, dem großen Weltweisen des Alterthums nachahmend, Antheil an allem synagogalen und häuslichen Zeremoniell, mußten ja seine christlichen Freunde, mit denen er sich über die höchsten Gegenstände der philosophischen Forschung unterhielt, im Nebenzimmer warten, bis er seinen Sabbat auf altjüdische Weise begrüßt oder entlassen hätte. Nichts griff er an, was den religiöshäuslichen Sinn seiner Glaubensgenossen bis dahin erwärmt und begünstigt hatte. Aber was that er? Er lehrte sie zuerst deutsch. Er übersetzte einen Theil der Bibel und zwar den, der sich am Meisten in den Händen des Volkes und der Jugend befand, er kommentirte diesen Theil der Bibel, um dem Volke und der Jugend zuvörderst die Grammatik zu lehren, um ihnen Begriffe von Nominativ und Akkusativ, von Subjekt und Objekt beizubringen. Wie sehr diese Elementargegenstände das Bedürfniß nach dem Höhern erweckten, davon ein schlagendes Beispiel. Salomon erzählt in der Lebensgeschichte des Moses Philippson, S. 52: „Ec hörte einmal, so erzählte er mir, mehrere Studirende über Grammatik diskuriren. In dem Gespräche kamen die Worte Dativ, Akkusativ u. s. w. oft vor. Ob er nun gleich von der Unterhaltung selbst Wenig oder Nichts verstand, so zogen ihn die gedachten Kasusbenennungen doch ganz gewaltig an und er dachte bei sich selbst: ach, wer doch das verstände! Sein Entschluß war gefaßt, — die Worte klangen ihm gar zu melodischdeutsch lesen zu ler-

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