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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1843-12-25 · Heft 52 (25.12.1843) · p. Seite 769

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
7 (1843)
Issue
Heft 52 (25.12.1843)
Date
1843-12-25
Page
Seite 769 (sequence 9)
Language
German
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769 Korrespondenz. Wanderung durch Krakau, Galizien, Bukowina, Moldau und Wallachei. ' (Fortsetzung.) Als wir nahe am Stadtgärtchen waren, sagte mir mein Brodyec Mentor: „Sehen Sie, hier gehet man eigentlich nicht'spazieren., sondern man drehet sich spazieren. Denn die Anlage - ist so beschränkt, daß man, um einen gewöhnlichen Spaziergang zurückzulegen nicht in gerader Linie vorwärts, sondern im Kreise sich herum bewegen muß; indessen was thut's? — Ja,' unser Stadtgartchen hat darum viele Vorzüge; erstens . daß man darin ewig, herumspazieren kann, wahrend doch sonst die allergrößten Alleen bald durchschritten werden; zweitens stehet man sich immer bei jeder Tour wieder, anstatt daß man sonst auf einer .Promenade einander in der Regel nur einmal begegnen kann; drittens entspricht so ein Spaziergang da philologisch am meisten dem Ausdrucke Promenaden-Tour; viertens ist es unse r Stadtgärtchm; fünftens und sechstens und siebentens werden Sie ja selbst sehen; also hinein!" und — wir waren im Stadtgärtchen und ev ixso schon in einer Tour (hebräisch: Hakufe) begriffen.-Der erste Anblick überraschte mich. Denn wie ln einer Feenwelt spiegelten sich in den sanften Strahlen des Silbermondes lausende und aber tausende Diamanten und Edelsteinen in ihrer tausendfältigen Pracht und Herrlichkeit, auf den Häuptern von Schönheit, und Jugend, die'einem Feenreich entnommen zu sein schienen. — Dazu jene regsame Lebendigkeit, jenes ewige Wiederauftauchen und Verschwinden fesselender Erscheinungen; alles deutete -eine Zauberwelt. an. — „Sehen Sie, sagte zu mir mein Führer,, dieser Glanz ist unser Ruin, diese im Mondeslicht sich so schön abspiegelenden. Edelsteine sind eben so viele mächtige unedle Steine, die auf unserem Herzen, auf unserem Wohlstände und auf unserem ganzen Fa-, milienglück lasten — bis zum Erdrücken. Und da hörte ich alle die Gründe gegen das verhängnißvolle Sterntüchel wiederholen, die wir oben summarisch unfern Lesern mitgetheilt haben, nur noch mit dem Beisatze, daß zu den vielen Schwindsüchten, die in Brody unter der weiblichen Jugend so gewaltig herrschen, der Sternbindel-Neid nicht die geringste causa oeeasioualis abgiebt. — Wir näherten uns nun aufmerksam den Gruppen, und wie groß war" mein Erstaunen, eine polnisch -jüdische Jugend in ihrem-Nationalkostüm, am äußersten Osten der östreichischen Monarchie sich in einem halben Dutzend Sprachen geläufig unterhalten, zu hören. Denn deutsch, französisch, italienisch, englisch, russisch und — jüdisch-deutsch kamen abwechselnd an die Reihe. — „Wundern Sie -sich darüber nicht, bemerkte mir mein Freund', unsere Jugend beschäftiget sich ausschließlich mit Sprachstudien. Unsere Lage — als Handelsstadt — unsere vielseitigen kommerziellen Verbindungen mit. fast allen Nationen Europa's, erfordern dieses. Mit der Kenntniß der fremden Sprachen verbindet unsere bessere Jugend in der That aber auch die Kenntniß fremder Lite-' raturen. Sie ist daher gleichsam universell-belletristisch. Die Vortheile dieser Bildungsrichtung lassen sich allerdings nicht abstreilen; sie befördert die ästhetische Veredlung im Menschen, sie lehrt ihn wahrhaft empfinden, das Schöne lieben, das Lächerliche verachten, sie führt ihn in das Reich seines höhern Gefühlslebens ein, und bringt so den Menschen in seiner gemüthlichen Tiefe und Herrlichkeit zur innern Anschauung — allein des Her-, zens wegen, muß aber auch der Kopf nicht vernachlässiget werden, und so muß man daher andererseits wieder gestehen, daß die ganze Bildung unserer Jugend meistens eine Halbbildung ist, in so fern sie einer wissenschaftlichen Basis entbehrt, die klassischen Sprachen, die exakten Verstandeswissenschaften so wie jene edelste der Vernunftwissenschaften — die Philosophie — gänzlich übersi'ehet, ja selbst mit der, in der neuesten Zeit so ruhmvoll cmporgeschwungenen Wissenschaft des Judenthums gänzlich unbekannt, laßt. ~ Die daraus entstehenden moralischen. Gebrechen sind zahlreich und inhaltsschwer. Denn der Mangel an wissenschaftlichen Prinzipien führt erstens mit sich nothwendig den Mangel einer festen Lebensrichtung und einer energischen Durchführung derselben. Die Ungeübtheit mit tieferem logischem Nachdenken benimmt auch die Fähigkeit, die wichtigsten Lebensverhaltnisse eines Individuums und besonders einer Gesammtheit, in ihrer sozialen Bedeutsamkeit genau zu übersehen und mit strengem Forfchrrblick sie bis in ihre tiefsten Wurzeln zu Verfölgen. — Daher bis zur Stunde in unserem intelligenten Brody in Gemeindeangelegenheiten so wenig geschehen ist, was Fortschritt und Reform deutlich beurkunden könnte; daher da jener ewige Zwiespalt zwischen. Wollen und Geschehenlassen. Die Mehrzahl will den Fortschritt, sie will die sie drückenden verjährten Mißbrauche und Auswüchse in

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