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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1839-12-21 · Heft 103 (21.12.1839) · p. Seite 683

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
3 (1839)
Issue
Heft 103 (21.12.1839)
Date
1839-12-21
Page
Seite 683 (sequence 15)
Language
German
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683 für Ihr geschätztes Blatt sein dürften. — Leider muß ich mit einem trüben und unheilvollen Ereignisse beginnen. Herr Joseph Perl ist im 68 Lebensjahre, in den letzten Tagen Septembers, einer langwierigen schmerzvollen Krankheit erlegen. Der inhaltschwere Vollklang dieses Namens allein ist in Galizien, inss Lande, wo feine segenreiche Wirksamkeit unvci gangliche^Monumenkc sich errichtet, hinreichend' genug, die'M!M"Größe dieses Verlustes auszudrückeii's'nicht so vielleicht dürfte es anderwärts sein. Sein, einem edlen Zwecke geweihtes Leben, sollte ja nur ein Werkzeug zum Heile seiner Glanbenebrüder, nicht aber eine Posaune seines Ruhmes, ein Echo seiner unschätzbaren Verdienste werden! — Mögen folgende Zeilen auch Einiges dazu beilragen, diesen treff-? liehen Mann einem größer» Publikum bekannt zu wachen, der I durch 40 Jahre mit unermüdlicher Anstrengung und Ausdauer J für Verbesserung und Veredlung seiner Glaubensbrüder in Galif zien kämpfte, fast unüberwindliche Hindernisse bezwang, und nach vollbrachter Sendung wir edler Ruhe dem Tode entgegensah, glücklich und heiter, sein hochherziges Streben vom schönsten Erfolge gekrönt zu sehen. — Wahrscheinlich ist Ihnen auS Larnopol, als der ersten Quelle, zu seiner Zeit ein dctaillirtcr Bericht zugeschickt worden. Ich werde, daher weniger die Zufälligkeiten seines äußern Lebens, als in psychologischer Beziehung, die Energie und Regsamkeit seines Geistes, so swie die Unabhängigkeit seines durch echte Humanität ausgezeichneten Charakters, hauptsächlich inS Auge fassen; und erstere nur sodann berücksichtigen,—wo innere^..»nd äußere Zustände sich gegenseitig bedingen, .und einer als Reflex doS andMss sich darstellt. — Joseph Perl, der rüstige unermüdliche Kämpe für Recht und Wahrheit, Bildung und Civilisation, der Mann des Fortschrittes \ und der Intelligenz, der zuerst, und wie sonst keiner mehr, die soziale und geistige Wiedergeburt seiner Glaubensgenossen in Galizien zur einzigen und höchsten Aufgabe seines Lebens,.-machte, war bis in seinem 30.Jahre ein eifriger Anhänger der fanatischen Sekte der Chasidim. Von einem bigotten, strengen Vater einzig und allein auf daö Studium des LalmudS beschränkt, und in dessen Mysterien großgezogcn, neigte sich sein jugendliches lebhaftes Gemüth auch den Ueberschwenglichkeitcn seiner äußern llmge» bung zu, in dem excentrischen, alle Gränzen des Vernünftigen und Schicklichen niedcrreißenden religiösen CultuS der^ Chasidim Befriedigung und Nahrung findend, -f Durch eine Reihe von Jahren ward sein edler Sinn, trunken von den wüsten Bachanalien dieser Fanatiker (der vorzüglichsten Weise ihrer Gottesverehrung) die Beute des schmählichsten Irrwahns; biö endlich sein gesunder Geist die Nebelhülle zerriß, die so lange Zeit ihn blendete, und mitEntsetzcn inne ward, daß er ein Genosse der schändlichsten, alles Himmlische und Menschliche verhöhnenden Rotte wäre. Ein glücklicher Zufall führte zu selbiger Zeit ihm einen» höchst geistreichen jungen'Mann, B. Günzburg auS Brody, zu» der mit vollendeter hebräischer Bildung einen Schatz anderer Kenntnisse bereits sich eigen gemacht. Ein neuer Himmel, mit Hellern glänzender» Sternen ging», nun seinem entstörten Auge auf, das nicht mehr am mysteriösen Mbelbuche der Verhängnisse und'Offenbarungen, an den Rathseln der Kabbala nemlich, sondern am Riescnbuche der Weltgeschichte, am Farbenspiele des Lebens, sich weidete.^ Die gründliche Erlernung der deutschen Sprache, so wie eine reelle wipenschaftliche Ausbildung, erhellte und erweiterte immer mehr den Kreis seiner Ideen, wie sie zu gleicher Zeit immer mehr und mehr die Kluft erweiterte, die ihn von seinen früher» schwärmerischenGenossen trennt^ Jetzt erst erkannte er mit tiefem Schmerze den garxze-lX Umfang des trostlos fcn Zustandes feiner GlaubenSbrüdcr. Das Wohl und die gei» fuge Veredlung derselben bei'djdfihn von nun an unaufhör-z' Uch. — Sein Beispiel, seine unernftrdliche Ausdauer entflammte zu ähnlicher Thätigkeit einige bevorzugte Freunde^ die mir wahrer Begeisterung scicntifischcn'Studien sich Hingaben, und deren wissenschaftliche Leistungen seit Decemnen schon in gelehrter Sphäre die höchste Anerkennung und Bewunderung finden. — . Doch mit Recht leuchtete es ihm ein, daß das Streben Ein- , zelner auf dem Höhepunkt wissenschaftlicher und gelehrter Forschungen für die durch krasse Ignoranz geistig totste Masse seiner jüdischen Landsleute von geringem, oder gar keinem Erfolge fein dürfte. — Der erstarrte, sterile Boden mußte ja erst aufgewühlt, die so lange modernden Ueberreste der Verwesung aus demselben entfernt werden, um den frischen , lebe,nzeugenden Saamen der Intelligenz in größerem Umfange, und in weiteren Kreisen auSstreuen zu können. D)ese in Zukunft zum 'Gemeingute seiner GlaubenSdrüder heranreifen zu sehen, der schönen Hornung einer allgemein sozialen und moralischen UmstaUung'sich hingeben zu können, putzte zu wirksgmern, in die innerste gesellschaftliche Organisation eingreifenden Mitteln Zuflucht genommen werden; und wie konnte er ein zmeckmaNgcres und ersprießlicheres auffinden, als durch Begründung und Läuterung des primitiven Schul-' Unterrichtes? Daü^ waren die ersten.Motive der von ihm in seiner Geburrsstadt Larnopol gegründeten, und seinen Namen der Ewigkeit sichernden Mufferhauptschule, die er wenig Jahre hierauf, trotz dem Jammergeschrei der Zeloten, nach Ueberwindung unzähliger Hindernisse, und mit schweren pecuniärcn Aufopferungen errichtete, und der er als Direckor biö ans Endo seines Lebens so ruhmvoll Vorstand. — Welche Reaction diese bei der so lange vom dichtesten Nebel dcü Aberglaubens geblendeten jüdischen Population in Larnopol und geistverwandten Philistern in Galizien hervorrief-, kann der langjährige, hartnäckige'(noch immer dauernde) Kampf der Parlheien belhätigenk — Damals jedoch trat die ganze, sehr zahlreiche, vom wüthendstcn Haffe gegen alle Neuerung entstammte jüdische Bevölkerung einer Provinz dem vereinzelten Manche entgegen, der ihrem ungestümsten Andrange, ihrem -rohesten Widerstande, nur ein edleö, hochherziges Streben, einen kräftigen unerschütterlichen Willen, und den milden Schutz humaner Behörden entgegenhrekt! — Selbst das reinste Vorbild eines höchst moralischen, sittlichen Wandel», welcher das Leben dieses Mannes so sehr auszeichnet, ja selbst die unwandelbarste Festhaltung an äußern religiösen Formen vermochte nicht den schamlosesten Insinuationen seiner Gegner Gränzen zu setzen. Perl eiferte eben so sehr gegen das Widersinnige, Unhaltbare und Verkehrte eines gedankenlosen Pietismus , als er stets gegen jeden Versuch ankämpfte, das eigcnthümliche Wesen der Religion auf die Spitze der Idee zu treiben, und sie so vom Alten und Herkömmlichen gänzlich zu sondern. — Die von ihm in seinem Hause für sich und seine Freunde (wie übrigens fürs ganze Publicum) erössnere sogenannte neue Synagoge, rvo mit wahrer Frömmigkeit und Gottesverehrun^, Ernst und Würde des äußern Anstandes sich einigt, sind hicfur genü-. gende Belege. — Es wäre zu weitläufig^ die immensen Resultate seines großartigen Institutes hier ausführlich besprechen zu wollen. Unzählige Schüler find seitdem nach und nach aus demselben hervorgegangen, die nunmehr als vootoro« Medicinae, Wundärzte, Qtbits dete Geschäftsmänner, oder auch als ehrenwerthe Handwerker sich allgemeiner Achtung und Liebe erfreuen, und das Andenken des ersten Gründers ihrer glücklichen und ehrenvollen Existenz lobpreisen und segnen. (Ein ausführlicher, höchst gediegener Bericht über diese Schule findet sich im II. Hefte der Geigerischen Zeitschrift, aus der Feder eines aus derselben hervorgegangencn Zöglings, und nunmehrigen Lehrers dieses Institutes). Auch der schriftstellerischen Thätigkeit deS Verstorbenen wollen wir nicht erwähnen, da diese unlängst erst in Ihrem geehrten Blatte ausführlich besprochen wurde. — Perl stand zwar in wissenschaftlicher Beziehung nicht auf der Höhe der Zeit; aber eine mehr praktische Tendenz, ein auf daS wirkliche Leben basirteS Streben; so wie die Angeln echter Humanität, das freundlich klare zum Herzen dringende Wort, und die größte Bereitwilligkeit, die reichlichsten Geldopfer zu bringen, wo es bei mittellosen Jünglingen .(vorzüglich bei Handwerkern) um Verfolgung eines achtbaren Zieles sich handelte, dieß waren die gewaltigen Hebel, mit denen er so Rühmliches und Ausgezeichnetes zu Stande brachte! — Der erste belebende Impuls für Bildung und Civilifation bei seinen Glaubenöbrüdern in Galizien ging aus der glühenden Seele

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