Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 3 (1839)
- Issue
- Heft 89 (14.9.1839)
- Date
- 1839-09-14
- Page
- Seite 471 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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471 verwirrender Commentare, und von den mächtigen Massen werden wir getragen, nicht erdrückt. Nur Einzelnes, aber Gutes, ist aus dem altfranzösischen Ritual übergegangen, als am Vecsöhnungstage nach der Aboda, am neunten Ab, die Selicha's i-nbt8 J-rb8, beide ■‘prpiK. Da nun gerade die großen jüdischen Dichter Spaniens die Grundlagen des provenzalen Ritus errichtet haben, so erhellt hieraus, daß eine vollere Piut-Ordnung, wie die Avignonsche ist, erst allmahlig, wol in Folge der Heimathlosigkeit, sich in die schmale sefardische verflüchtigt haben dürfte. Daher können auch manche Werke aus dem sefardischen und dem provenzalen Ritual sich gegenseitig ergänzen: Abraham b. Esra's Reschut und Aboda hat das provenzale, sein Aschre ajin das spanische Machsor; Mose b. Esra's Reschut ist in diesem, sein Aschre ajin (sammt Ubchen mah) in jenem; — vielleicht ist irgendwo noch seine Musaf-Aboda zu finden. Gleichergestalt haben die beiden. Ritus sich in Joseph Kimchi's Hoschana-Ordnung getheilt. Aber aus der schönen Gewohnheit der liederreichen provenzalen, die Bestandtheile des festlichen Gottesdienstes nie mit edlen Reimen poetisch zu fassen, entsprang doch wiederum ein Verfahren, welches die Zerstückelungen förderte. Denn bald hob man Strophen und Verse aus größeren Werken aus, bald setzte man aus verschiedenen Poesien ein kleineres Ganzes zusammen, wodurch die größeren vernachlässigt blieben. Daher ist es schwer,- jeder solcher kleinen Strophe ihren gehörigen Ort anzuweisen, was auch im Obigen verhaltnißmaßrg nur in wenigen Fallen geschehen ist. Ein einzelner Vers, z. B. der am Wochenfest und dem Sabbat nach der Hochzeit als Ofan vorkommt: PP8 S-p ‘l'rniD ^8L7i8 8b i-P8i 2b^:i nbn ‘paip» ^8228 übitf ist der Anfang eines ungedruckten schönen Kadisch- Piut R. Jehuda halevi's, wie ich aus Mittheilungen von Luzzato und Dukes ersehen. Und so mögen noch viele dergleichen Trümmer den größten Dichtern angehören, deren keiner sich einer Ausgabe seiner gesammelten Werke zu erfreuen hat. Wenden wir uns denn jetzt zu den mehr als 70 Verfassern des Avignonschen Piut, da ohnehin deren Betrachtung Gelegenheit geben wird, über den Inhalt des in Rebe stehenden Machsor noch manches nachzuholen, was bei unserer Musterung des'Gottesdienstes nicht hat platz finden können. (Fortsetzung folgt.) Salvador. Von A. W eilt in P a ri s. Vorbemerkung des Redakteurs. Wenn irgend einmal, sind wir vor dem Abdruck des folgenden Aufsatzes verpflichtet, uns dem Publikum gegenüber offenmüthig zu erklären. Wer die von unS in No. 86 v. I. gegebene Abweisung des Hrn. A. Weill gelesen', wer sich erinnert, daß es derselbe ist, der im „Telegraphen" mit einer wahrhaften Wuth die Allg. Zerr. deS Judenthums in den Augen des Publikums herunterzusetzen sich vergeblich bemühte, der dem Fakultatöprojekte mit gehässiger Verkleinerung entgegenzutreten suchte, der erst vor wenigen Wochen in der Zeitung für die elegante Welt über die jüdischen Gelehrten den Stab brechen wollte — wird um so eher bemerken , daß derselbe sich jetzt an uns wendet, in die Reihe der Mitarbeiter unsrer.Zeitung' einzutreren, das Prinzip derselben somit vollkommen anerkennend. Ein Jeder wird einsehey, daß wir einen vollstandigern Beweis der Rechtfertigung von einem so bittern Gegner nicht verlangen können. Und warum versagen wir ihm dennoch nicht den Eintritt in unfern Kreis? Weil wir einerseits die Umpartheilichkeit als unser höchstes Gesetz anerkennen,' und somit selbst der äußersten. Linke im Judenthume die Aussprache nicht versagen dürfen, andrerseits weil wir stets,die Sache, nie die Person , und wäre es gegen unsre eigene'gerichtet, berücksichtigen, und Herr Weill uns hier einen schätzbaren Beitrag über den Bildungsgang eines unsrer bedeutendsten Glaubensgenossen darbieret,, der sich so angemessen zu unseren eigenen Berichten über Salvador (No. 2. 10. 14. 34. 38. 41. 65, 70.) gesellt. ' Es gibt in dem Leben bedeutender Männer, große Kleinigkeiten, die, ohne daß sie es selbst wissen, mächtig in das Geäder ihres Lebenslaufs eingrcifen.' Selten ist es dem äußern Blick erlaubtin diese Geheimnisse zu dringen; da die Menge und init ihr das öffentliche Urtheil nur nach der Wirkung und nicht nach der Ursache fragt, da aber wo es der Zufall erlaubt, sieht Man immer deutlicher, daß, wie Leffing sagt, daö Gewöhnliche im Leben das größte, Wunder ist, und daß noch größere, daß man. dieses Wunder nicht für ein Wunder hält.; Wenn sich ein jeder Mann, der irgend eine Stellung in der Geschichte ein nimmt., — ick spreche sowol von der geschehenen 'als noch zu geschehenden Geschickte; von der Vergangenheit sowol als von der Zukunft — wenn'sich, sage ich, ein jeder Manndcr in irgend einer administrativen oder wissenschaftlichen Stellung zählt, dem Faden seiner individuellen Geschichte folgen würde und jeden Knoten, der ihm zum Haltpunkt diente, auflösen wollte — so wie es Görhe getban — es würde dies für die Geschickte selbst sowol als für die Sache, die e,r repräsentiere von höchstem Interesse sein; da das Objekt im Menschen, der Dichter oder der Gelehrte, nicht selten harmonisch mit dem Subjekt, mit dem Menschen selbst in Eins zusammenfließt, und oft so flüssig wird, daß.es einem Dritten unmöglich ist, das Eine von dem Andern zu, trennen. Ich spreche hier keinesfalls von dem Privatleben großer Männer,, , das zur Aufklärung ihrer .selbst dienen sollte, so wie es jetzt in Deutschland bis zum Ekel Mode ist.,, aber jede Dichtung hat so zu.sagen ihre Privargeschichte, jede große Handlung ihre geheimen. Privatfedern die sie in Schwung setzen und nur von diesen Privatverhaltnissen spreche ich. Was wäre dem Äudentbum nickt eine treue Lebensgeschichte MoseS wcrth, eine Entwickelung seiner Gesetzgebung, wie sie sich nach und nach in seinem göttlichen Geiste entwickelte, wie er während seines .ersten Aufenthalts iü der Wüsie'daS kontemplative 'Leben bis auf die Höchste Spitze, bis auf dii Offenbarung trieb was "wäre eine solchir Psychologische Geschickte MoseS nicht werth. ' die weit'entfernt seiner und seiner unsterblichen Gesetze-Heiligkeit zu -Nahe Lv treten, ihn als Mensch, was er im höchsten Sinne sein wollte,