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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1839-06-13 · Heft 71 (13.6.1839) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
3 (1839)
Issue
Heft 71 (13.6.1839)
Date
1839-06-13
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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No. 71. iii. Jahrgang.. Allgemeine Zeitung des Zudenthmns. E i n unparlheiisches Organ für alles jüdische Interesse. (Mit «bniil. Sächsischer allerqnädigfter Lonceffion.) Leipzig, den 13. Zuni 1839. Zeitungsnachrichten. Breslau, 30. Mai. (Prkvatmktth.) Da Sie in Betreff des G eig er'schen Streites schon mehrere Artikel gegeben, so übersende ich Ihnen hiermit die No. 122. der Breslauer Zeitung, welche folgenden ruhigen und beruhigenden Artikel enthalt, der der Beherzigung sehr würdig scheint. Zum Verstandniß einer Angelegenheit, die Breslauer Juden betreffend. Es ist in letzter Zeit über den, durch die Anstellung des Herrn vr. Geiger in der hiesigen Gemeinde herbeigeführten Streit, in öffentlichen Blattern so viel gesprochen und gerügt worden, und es wird diesem Ereigniß ein solcher Anstrich von Wichtigkeit gegeben, daß man zu glauben versucht wird, es handele sich hier um eine Lebensfrage, von deren Entscheidung das Wohl und Weh der Juden bedingt sei. — Und gleichwol gehört dieses Ereigniß zu den geringfügigsten alltäglichsten Begebenheiten, wie wir sie in den christlichen Confessionen bei einer bestehenden ordnungsmäßigen Handhabung der beaufsichtigenden Behörde, mit einem Federstriche, geräuschlos entschieden sehen, wahrend hier, bei den sich selbst überlassenen Parteien hartnäckig gekämpft wird. — Denn leider nimmt die Negierung von den kirchlichen Angelegenheiten der Juden keine Kenntniß, und da kann es denn nicht fehlen, daß bei Anlassen, wo so verschiedenartige Ansichten sich durchkreuzen uno geltend' machen dürfen, ein verdrießlicher Konflikt stattfinden und ein verderbliches Zerwürfniß erzeugt werden müsse, wie dies leider hier der Fall ist. — Daß man hierbei die Orthodoxen anklagt und ihnen alle Schuld beimißt, ist natürlich, weil es nicht denkbar ist, daß man bei einer Erleuchtung, wie die neuern Rabbinen sie offenbaren, fehlen könne, und dennoch sind sie es einzig und allein, die bei ihrer vermeinten Unfehlbarkeit und durch ihre Hast im Beseitigen, Mißgriffe begehen, die von 'dem gesteckten Ziele nur noch mehr entfernen und dem Volke entfremden. Es sei mir daher, in Folge mehrfach an mich ergangener Aufforderung, erlaubt, den Hergang des Ereignisses der Wahrheit gemäß anzugeben, und ich werde mich hierbei um so unbefangener äußern, als ich weder der einen noch der andern Partei unbedingt angehöce, und hierdurch kein weiterer Streit angefacht werden dürfte. — Die Ernennung des Herrn l>r. Geiger wurde in folgender Weise herbeizeführt. Vor einem Jahre bildete sich aus der Mitte von öhngefahr 900 Mitgliedern der hiesigen Juden-Gemeinde ein Verein von 120 Männern, und beantragte bei dem Vorstande, die Anstellung eines Rabbinats - Beisitzers, der, neben den Requisiten seines Berufes in Riiual - Angelegenheiten auch das Talent eines tüchtigen Redners besäße, indem die bisherigen, in alterthümlicher Form üblichen Vorträge, sie nicht ansprächen und ihnen, so wie ihren Familien, keine Erbauung gewahrten. — Dieser Antrag, gerechtfertigt durch den modernisi'rten Geschmack, so wie durch -die Vorschrift der Gemeinde-Statuten, wurde als billig, angemessen nnd zeitgemäß beifällig ausgenommen und genehmigt, uno würde bei seiner Gemeinnützigkeit auch bei der Gefammt-Gemeinde den ungetheiltesten Anklang gefunden haben, wenn man bei seiner Ausführung auf die divergirenden Ansichten die erforderlichen Rücksichten genommen, lieber auf eine äußere'Virtuosität im Reden verzichtet, und mehr das allgemein Zusagende im Augenmerk behalten hatte. — Dieses geschah jedoch nicht; der Vorstand verfuhr nach dem ihm zustehenden Rechte; der anwesende H-. vr. G., der sich unter den Bewerbern befand, hielt eine Pcoberede, in der er dem ihm vorangegangnen Rufe als Redner entsprach; sonach wurde die Wahl eingeleitet, und nach Vorschrift der über diesen Gegenstand sprechenden HH. der Statuten vollzogen, und ec erhielt, mit dem Vorbehalte, daß ec sich, durch 2 Jahre jeder Ritual-Entscheidung enthalten wolle (wodurch man das bei den Orthodoxen sich erhobne Ungewitter zu beschwören hoffte) die zu besetzende Stelle. — Mittlerweile bildete sich in der Gemeinde eine Opposition und Hr. vr. Geiger, der sich früher in seiner theologischen Schrift zu freisinnig aussprach und'durch seine Religions-Ansichten sich bei den Orthodoxen verdächtigt, beging auch noch den Mißgriff, in seiner Rede „sich über das Wesen der Formen im Glauben auszulassen," und so unschuldig diese Betrachtungen auch sein konnten, so wurden sie dennoch von den Gegnern als reformalorische Vorsätze getrachtet und als Haltpunkt ihrer Meinung aufgefaßt; von mehreren Seiten, und namentlich von einem im Rufe der Frömmigkeit und Gelehrtheit stehenden Rabbinen kamen Briefe, die ihren Tadel über die getroffne 'Wahl ausgesprochen; was Wunder also, daß der um sein theuerstes Besitzthum besorgte Orthodox sich in feinem Gewissen beunruhigt fühlte, daß ihm unheimlich wurde und er die bedrohende Gefahr zu beseitigen suchte? So ist die Sache des Herganges, dessen Erledigung nunmehr der Allerhöchsten Entscheidung anheimgestellr ist; aber der Erfolg sei welcher er wolle, immer wird der Genuß des Siegers ein gestörter fein, weil er ihn auf Kosten der Ruhe feines

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