Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 3 (1839)
- Issue
- Heft 58 (14.5.1839)
- Date
- 1839-05-14
- Page
- Seite 234 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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234 Bewohner unserer Hauptstadt kennen selbst die Existenz desselben nicht, von den übrigen hat ihn nur ein geringer Lheil vielleicht einmal besucht« Und doch ist dieser Friedhof eine der Stellep Prags, welche die meiste Beachtung verdienen, ein - wahrhaft klassischer Boden. '.Wenn auch sein Alter nicht so hoch.in die Vorzett hinaufreicht, als man ihm einst vindiciren wollte, so gehört seine Entstehung doch einer weit früher» Zeit an, alS jene der meisten Baudenkmale Prags, und er wird ein Gegenstand von höchstem Interesse durch die Lausende und aber Lausende, die hier ruhen, angehörend einem Volke, das im Individuum so häufig die krasseste Prosa, als Nation aber die gigantischste Schicksals Poesie ist. Lausende von Grabsteinen, viele verwittert durch die athmospbärischc Einwirkung von Jahrhunderten, kolossale Sarkophage, für den Kunstsinn der Zeiten, denen sie angehören, zeugend, ragen aus dem hügeligen, grasbewachsenen Boden unter den Laubdomen alter, knorriger Fliederbüsche hervor. ' Wäre ich ein Dichter, ich ließe ein gespenstiges Epos da spielen, zu dem die Leiber der hier ruhenden Lalmüdisten im Mondscheinlichte mir auferstehen müßten. Die Geschichte — oder Sage - des Lebens mancher hier ruhenden Männer bietet gewiß Stoff zu einer epischen Dichtung, und die Gespenstermärchcn gäben Herrliche Romanzen. Eines der schauerlichsten jüdischen Gespenstermärchen, die auf diesem Friedhofe spielen, ist folgendes: Zur Zeit, als Böhmens Krone auf Rudolphs ll. Haupte saß, herrschte unter den prager Judenkindern, eine furchtbare Seuche. Hunderte von Kindern wurden Monat-für Monat auf den Beth Chain, geführt und. begraben. Die.gelehrten ralmudsherren. zerbrachen sich die Köpfe darüber, worin wohl die Ursache dieser Seuche'liege. Keiner brachte es aber heraus. -t-- Zur selben Zeit lebte in der prager Judcnstadt ein äußerst weiser Rabbi, der hieß „der hohe Löw." Dieser Rabbi war in der Sternkunde wohl erfahren, und nachdem, er einst eine Nacht den Himmel betrachtet, und die Stellung der Sterne aufmerksam beschaut hatte, ersah er aus den Gestirnen, wie er die Ursache der Pestilenz, ergründen könne. Da benef er am folgenden Abend den beherztesten .seiner Schüler und befahl ihm, Nachts, wenn die MitlernachtSstunde nahe, sich auf den Beth Chain, zu begeben «und einem der Kinder, die er über den Gräbern tanzend sehen würde, daS Lachrichim (Leichenhemdchen) zu entreißen und schnell nach seiner Wohnung zu bringen. Der Bocher (Schüler) ging,-wie-ihm der Rabbi befohlen. Und als die Mitternachtsstunde schlüg, da erhoben sich aus den Gräbern die bleichen Kinderleichen in langen,, weißen Hemdchen und schwebten in, düstern Mondscheinlichte, über lden Gräbern zwischen. Katafalken und Hollundersträuchen gar luftig und lustig umher. Den Bocher erfaßte Schauer ob dem"seltsamen Lreiben der kleinen gespenstigen Wesen, dock faßte er Muth und ergriff daS Leichengewand des einen dieser Kindermund riß es,an sich und lief damit zu seinen, Meister, dein weisen Rabbi'Löw. Rabbi Löw nahm das Kleid und setzte sich zun, geöffneten'Fenster. Da sah. er bald ein Kindcrgcspenst pfeilschnell daherrennen. Es war daS Kind, welchen, das Hemdchen gestohlen' worden 'toat. Als es in die Gruft steigen wollte, hatte .es bemerkt-, daß ihm das! Lachrichim fehle, und ohne dieses durfte eS sich nicht ins Grab legen. Doch die Gespenster sind gar klug," und' errath'en schnell daS Geheimste, und so errieth auch das Kind, wer im Besitze des HemdchenS sei. Darum lief eS gleich nach dem Hause des. Rabbi Löw-hin , und stellte sich vor das Fenster und streckte die Händchen aus und schrie: „Rabbi, gib mir meist-Lachrichim wieder." ■ Der Rabbi aber schüttelte den Köpf und verbarg das Leichenhemd in seinen Busen. „Willst Du,.daß ich das Lachrichim Dir wiedergebe, so mußt Du auch tbun, was ich befehle. Du mußt mir verratben, warum die böse Seuche unter uns entstanden , die nicht enden will." DaS Kind jedoch antwortete nicht und schrie nur nach seinem Lachrichim.' Als. cs aber sah, daß der Rabbi unbeugsam blieb , da verrieth es den Grund der Pest. ES wohnten nämlich, in einer -Gasse,, die. nicht, weit föoli RabÜL LöwS Hause lag, zwei. Ehegatten, welche, mit ihren Frauen einen unsittlichen Wandel führten.' Hierüber erzürnt, hatte der Himmel die,-Judenftadt mittdcr wüthendcn Kinderseuche heim^esucht-^^rind nicht eher sollte'diesseenM," als' bis' dssö sündhafte Treiben der beiden paare bestraft sein würde. Der Rabbi ging hin nach den bezeichneten Häusern, und erkannte, daß das Kind die Wahrheit gesprochen. Da gab er ihm sein Lachrichim zurück, und ließ die Frevler bestrafen, .und alsbald hatte die Seuche ein Ende. Die Gasse aber, in welcher jene lasterhaften paare ihr Unwesen getrieben harren, heißt noch bis auf den heutigen Lag die Belelesgaffe, nach dem Namen der beiden Weiber, von -denen die eine Bella, die andere Ella geheißen. . ' Ein andermal rettete der hohe Löw durch seine Klugheit sein eigenes Leben. — Abermals herrschte nämlich eine Seuche unter den prager Israeliten, begnügte sich jedoch diesmal nicht mit bloßen Kinderleben^ sondern raffte Alles, Jung und Alt, , hin. Haufenweise lagen dre Leichen im Bet Chain», es waren nicht Hände, es war nichr Raum genug da, um sie alle zu begraben. Die Luft ward durch diese verwesenden Leichname immer mehr mit Peststoffen geschwängert, und die Seuche raste mit desto größerer Wuch. Da begab sich-Rabbi „hohe Löw" mit,seinen Bocherim und Slinagogendienerck durch das Hinterpförtchen auf den Friedhof. Und eben als sie vor dem Pförtchen stehen, und Rabbi Löw nach dem Schlüssel greift, da öffnet sich die Lhüre, .und ein langer bleicher hagerer Mann tritt heraus, eine ungeheuere Liste in der Hand haltend. Der weise Rabbi erkannte gleich, wen er vor sich habe, und riß ihm die Liste aus der Hand, denn der lange hagere Mann war — der Tod. Die Liste aber enthielt die Namen derer, welche.am folgenden Lage sterben sollten, darunter' auch Rabbi Löws und aller seiner Begleiter. „Diesmal bist Du mir entwischt,"'sprach der^Tod, „hüte Dich vor einem zweiten Begegnen." . - . ■ : - Rabbi Löw hütete sich auch.- Der Tod verbarg sich in mancherlei Gestalten, um ihm beizukommen , aber der kluge Lalmudist merkte es jedesmal. Nach langen Jahren — eS war an des Rabbi's Geburtstag, überreichte ihm seine Gattin, eine schön aufgeblähte Rose. Der hohe Löw empfing freudig daS duftende Geschenk, und roch daran.' Aber im selben Augenblicke stürzte er leblos zusammen, denn der Tod hatte sich in die Rose verborgen. DaS Grabmal des Rabbi Löw befindet sich an der westlichen Mauer deS Bet Chain,; rechts von dein Eingänge durch daS Haus No, 241. Dort ruht er unter einem herrlich gearbeiteten, tempelattigen Sarkophage mit seiner Gattin; ein eingernerßelter Löwe bezeichnet ihn. Zu beiden Seiten dieses Grabdenkmals stehen in einer langen Reihe -die Leichensteine von drei und dreißig Lieblingöbocheriin des hohen Löw. ' . ' Rabbi Low war, wie gejagt, ein Murin, dem an Weisheit keiner seiner Standesgenossen damaliger Zeit gle'ichkam. Seine Kenntnisse in der Astronomie und Mathematik hatten seinen Ruhm so verbreitet, daß Lyhö de Brahe um seine Freundschaft warb, und selbst Kaiser Rudolph II., der bekanntlich jene Wissenschaften ungemein liebte, den Rabbi' in seinen, Hause besuchte. °) Es geht unter den Juden .ein'Märchen, der Rä'bbi habe hei jenem Besuche die prager Königsburg in seine Wohnung gezaubert. Ein Märchen, zu dessen Lösung man bald den Schlüssel findet, wenn man weiß, chaß den, Rabbi Löw die'Erfindung der Camera obscura zugeschrieben wird. Nicht weit vom Grabe Rabbi Löw's ist ein hoher schmaler Lcichenstein, welcher die Gebeine des Schlviegersohns dieses Rabbi deckt Obwohl er nur ein Metzger war/ -sieht fein Name doch noch immer im lebhaften^ dankbaren- Angedenken,- ber,Juden, denn er war ein gar wohlthätrger'Mann., der allwöchentlich vor Einbruch des-Schabbeö sseine Kinder abwog, und so viel -Fleisch an die Armen vertheilte, als das'Gewicht seiner,Kinder betrug. - . v . . (Fortsehung .folgt.) •) ' Noch jetzt-reigt man..dieses HauS. Cs ist daS Gebäude No. 91. in der breite« Gasse, neben dem jüdisch«,. Driefpvstamt. " Ein Löwe ist Mer der HaüStyüre gemeißelt > jenem auf -Hem Sarkophage ganr gleich. y.j ' A« d. Vers. - Redattcur:' vr: L. PhMppso». — Verlag vonBüütngürtnersBÜctzhckndluug. — Druck vön I. B. HiÜfcfifeld«