Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 17 (1923)
- Issue
- Heft 1-3 (Januar 1923)
- Article
- Die ostjüdische Einwanderungsbevölkerung der Stadt Berlin
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 15 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2650397-3187770-3187772-3194520--5049-3194558- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
- 15 — arbeit in Betrach: kommt, spielen die rus- 1 sischen Juden trotz der Konkurrenz einhei- | mischer Arbeiter immer noch eine Rolle. Aber die Handarbeit selbst spielt keine Rolle i mehr in der Zigarettenindustrie. Daher kommt dem russischen Arbeiter im großen Fabrikbetrieb heute keine Bedeutung mehr zu. Dagegen sind noch in der Gruppe der kleinen Unternehmer, die einen Laden haben und in einem j darunterliegenden Verschlag, in ihrerWohnung oder in einem Fabrikraum ihre Ware verfertigen, fast nur hier eingewanderte russische Juden. Ihre pekuniäre Lage ist im allgemeinen zufriedenstellend. Es überwiegt das bescheidene Kleinbürgertum, daneben findet sich aber auch der gutsituierte Mittelstand. In den letzten Jahren nun macht sich eine Tendenz geltend, die kleingewerblichen, selbständigen Fabrikanten ausschließlich zu Händlern zu stempeln. Ansätze dazu sind vorhanden, seitdem die Zigarettenfabrikation kontingentiert wurde. Im Jahre 1916 wurde durch den inzwischen noch viel fühlbareren Mangel an Rohstoffen festgesetzt, daß jeder Zigarettenbetrieb 100 % deHm Jahre 1913/14 fabrizierten und versteuerten Menge fertigstellen dürfe. Die Großbetriebe, die trotz aller Erschwerungen ihren Umsatz sehr erhöht hatten und durch diese Kontingentierung ihre Maschinen nicht voll ausnutzen konnten, versuchten nun. vielen kleinen Betrieben ihr Kontingent durch eine einmalig geleisteteSumme abzukaufen. Erst durch diese Praxis eigentlich ist eine größere Anzahl einheimischer Fabrikanten in die Zigarettenbranche eingeführt worden. Geht die Vertrustung der Industrie weiter, tritt an Stelle des sachkundigen und fachkundigen kleingewerblichen Fabrikanten, der oft gleichzeitig der beste Arbeiter im Betrieb ist, der Kapitalist, so werden in Zukunft die russischen Elemente fast nur auf den Zigarettenhandel angewiesen sein. Welche Aussichten sich I hier für ihr Weiterkommen eröffnen, ob hier | die Möglichkeiten zur Gründung einer selbständigen Existenz relativ so günstige sein! werden wie in der Zigarettenindustrie, ist nicht im voraus zu bestimmen. § 4. Das Händlertum. Die Beteiligung der Ostjuden an der Berufsgruppe: „Handel und Verkehr" ist mit geringer Ausnahme auf das Handelsgewerbe beschränkt. Ihm gehören 93% aller in der C-Abteilung tätigen ostjüdischen Personen an. 67,29% davon stammen aus Galizien. Der Anteil der Russen beträgt 25,36 %. Die Rumänen sind mit 7,24% vertreten. Unter den im Handelsgewerbe beschäftigten Personen überwiegen durchaus die selbständigen Berufstätigen. Diese soziale Schichtung ist deshalb so ungünstig, weil sich bei dem Streben der Ostjuden, auch bei ganz geringem Kapital als Händler selbständig zu sein, eine Anhäufung finanziell schlecht fundierter Handelsunternehmungen und Kramgeschäfte ergibt. Es stehen keine Zahlen zur Verfügung, um die Stärke der Besetzung in den einzelnen Berufsarten des Handelsgewerbes anzugeben. Sicher ist aber, daß die Beteiligung am Waren- und Produktenhandel überwiegt. In einzelnen Geschäftszweigen dieser Abteilung sind die Ostjuden so intensiv tätig, daß hier der jüdische Einschlag gleichbedeutend ist mit ostjüdischem Einschlag. Die typischen Beispiele dafür sind der Eiergroßhandel, der Althandel, die Resterhandlung. An dem Aufblühen dieser Geschäfte soll im hervorragenden Maße die ostjüdische Frau durch Sachkenntnis und Fleiß beteiligt sein. Im Berliner Eiergroßhandel stehen heute die Galizianer an erster Stelle. Durch sie ist im Laufe der Zeit tat-