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Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden · 1920-01-01 · Heft 1-6 (Januar 1920) · p. Seite 9

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Journal
Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
Volume
16 (1920)
Issue
Heft 1-6 (Januar 1920)
Article
Die ostjüdische Einwanderungsbevölkerung der Stadt Berlin
Date
1920-01-01
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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— 9 — Immerhin ist aus der vorliegenden Tabelle auch ohne Vergleich mit Zahlen früherer Jahre ersichtlich, daß die Einwanderung schon vor geraumer Zeit begonnen und zugenommen haben muß. Dafür spricht die Tatsache, daß die verschiedensten Lebensalter vertreten sind. Und ganz besonders die Art der Besetzung der Altersklassen 15 — 30 und 30—5U Jahre. Segall1) hat nachgewiesen, daß die ersten ostjüdischen Einwanderer vorwiegend eine Gruppe junger Leute im Alter von 15—30 Jahren sind. Der Plan auszuwandern ist ungeachtet aller Vernunftgründe ein sehr schwerer Entschluß für den Ostjuden. Er hängt trotz wirtschaftlicher Not, trotz Kränkungen und Zurücksetzungen an seiner Heimat. Dazu gesellt sich die Unsicherheit der Zukunft, die Angst von dem Kommenden. Es ist sehr bezeichnend, daß in kleinen Städten Galiziens der Auswandererzug von den Juden der „Mörder" genannt wird. Es gehört Mut und die Spannkraft 'der Jugend dazu, das Glück in der Fremde zu suchen und für die Zurückbleibenden Pionierdienste zu tun. Gestaltet sich diesen Auswanderern das Schicksal günstig, so verstärkt sich die Gruppe in absehbarer Zeit. Es kommen Altersgenossen, die Frauen, soweit die Auswanderer verheiratet sind, die jüngeren Geschwister und schließlich ihre Eltern. In den ersten Jahren der Einwanderung sind innerhalb ihrer Einzel- „,____1 _ T> . t Y-\, 1 T"\ giuppen uie Küssen una foien, Kumanen, Galizianer unter sich verwandt, verschwägert oder zum mindesten nahe befreundet. Die bereits Ansässigen, mit der Geschäftslage Vertrauten, schreiben ihren Angehörigen, welcher Handelszweig aussichtsreich ist und helfen bei der Übersiedlung mit Rat und Tat. Das ist natürlich auch für das Geschäftsleben außerordentlich wertvoll. So erzählen Rumänen, die hier im Engros-Handel tätig sind, dieser enge, über räumliche Schranken wirkende Zusammenhalt habe den Grund zu ihrem Wohlstand gelegt und ihnen zu internationalen Geschäftsverbindungen $?eo höireri. Als im Jahre 1884 größere Gruppen aus Rumänien auswanderten, wandte sich ein Teil nach Amerika. Andere gingen nach England, nach Brüssel, nach Paris. Trotzdem blieben die einzelnen Familienmitglieder im Zusammenhang und in nicht allzu langer Zeit konnten gegenseitig einige Geschäftsaufträge vermittelt werden. Wenn aber nicht gerade Verwandtschaftsverhältnisse vorhanden sind, so ist selbst innerhalb der Einzelgruppen der Zusammenhang nicht immer so groß. Mitunter spielt der bereits seßhaft gewordene Ostjude als Auswanderungsagent seiner Landsleute eine etwas zweifelhafte Rolle. Aber das Solidaritätsgefühl der Ostjuden erwacht, wenn jemand von ihnen im Elend ist. Heute noch gilt auch hier in Berlin, was vor vielen Jahren der Schlußbericht der Sweatingkommission von den Juden des East-End sagte: „Sie sind stets bereit, ihren Genossen, dtssen Not im Augenblick größer ist als die ihre, die weitgehendste Unterstützung zu gewähren."2) Auf eine lange Auswanderungsperiode deutet eine beträchtliche Anzahl der im Alter von 30—50 Jahren Stehenden, Einmal sind, die einst iiiiip" hierher kamen, älter geworden und die geschäftlich vorwärtskommen — schon eine bescheidene Auskömmlichkeit gilt zunächst als Wohlhabenheit — machen unter der älteren Generation gewaltige Reklame. Das typische Gepräge der seßhaft gewordenen Einwanderungsbevölkerung, wie es die ostjüdische in Berlin ist, kommt am charakteristischsten zum Aus- *) Die Entwicklung der jüdischen Bevölkerung in München. Ein Beitrag zur Kommunalstatistik, Benin 19 IQ.

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