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Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden · 1913-12-01 · Heft 12 (Dezember 1913) · p. Seite 174

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Journal
Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
Volume
9 (1913)
Issue
Heft 12 (Dezember 1913)
Article
Eine neue jüdische Nervenkrankheit
Date
1913-12-01
Page
Seite 174 (sequence 2)
Language
German
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- 174 — Das Leben der Juden in jenen Gegenden scheint prädisponierende Momente in sich zu bergen, die das auch sonst labile Nervensystem der Juden kräftig angreifen, wobei es nicht nur zu funktionellen Störungen des : psychischen Gleichgewichts kommt, die sich \ in den unzähligen Formen der Neurasthenie; und Hysterie kundgeben, sondern auch zu; anatomischen Veränderungen im Zentral- ■ nervensystem, wie es bei der zuerst von! Sachs beschriebenen familiären amau-; rotischen Idiotie der Fall ist, die ebenj falls fast ausschließlich an russischen Juden j oder an deren Abkömmlingen in den Verj einigten Staaten beobachtet wird, und zwar in den frühesten Kinderjahren. Was nun die neue Krankheit anbelangt» I so gehört sie in das weite Gebiet der Hyperj kinesien, da sie sich hauptsächlich durch unj willkürliche Bewegungen charakterisiert. Die j einstweilen noch geringe Zahl der beobj achteten Fälle einerseits, sowie andererseits; das nicht immer übereinstimmende Bild, das j bei den verschiedenen Patienten gefunden j wurde, ist wohl die Ursache davon, daß die \ Krankheit noch keinen einheitlichen Namen i erhalten hat, indem Ziehen sie als Tor-; sionsneurose aufgefaßt hat, während Oppenheim den Namen Dysbasia lordotica progressiva oder den am meisten passendenDystonia musculorum deformans vorschlägt. Eine kurze Schilderung der Krankheit; wird wohl auch die Leser dieser Zeitschrift interessieren. Ich halte mich dabei an die j Beschreibung Oppenheims im „Neurologischen Centraiblatt", 1911, Nr. 19, S. 1090, sowie an die von B r e g m a n , ibidem, 1912, Nr. 14, S. 885. Es sind durchweg Kinder im Alter von; 8—14 Jahren, die von dem Leiden ergriffen werden. Das männliche und weibliche Geschlecht ist ziemlich gleichmäßig vertreten. Daß es sich um Kinder jüdischer Eltern aus Rußland und Galizien handelt, ist schon eingangs gesagt worden. In manchen Fällen konnte das Leiden mit einer neuropathischen Disposition in Form einer mehr oder weniger schwer ausgesprochenen erblichen Belastung in Zusammenhang gebracht werden. Dies scheint aber nicht der ausschlaggebende Faktor zu sein, da auch psychisches und physisches Trauma sowie überstandene Infektionskrankheiten als auslösende Ursachen angegeben wurden. Die Entwicklung ist eine schleichende. Meistens sind es die Gliedmaßen, in denen die ersten Beschwerden in Form von Krämpfen empfunden werden. In der Folge sind es hauptsächlich die der Fortbewegung dienenden Muskeln der Oberschenkel, des Beckens und der Wirbelsäule, die am stärksten ergriffen sind. Die Art der Krampfbewegungen ist verschieden: manchmal ein klonisches Zittern; häufiger unregelmäßige, tonische und klonische Krämpfe einzelner Muskeln oder Muskelgruppen, die einfache, unzusammenhängende, den willkürlichen unähnliche Bewegungen zur Folge haben; manchmal sind die Krämpfe denen ähnlich, die beim Veitstanz beobachtet werden; Bewegungen, die den Charakter zielbewußter willkürlicher nachahmen, sind selten. Die verschiedenen Krämpfe unterliegen im aligemeinen, was ihre Intensität anbelangt, erheblichen Schwankungen und sind namentlich beim Stehen und Gehen am ausgesprochensten. Auch Beobachtung der Kranken wirkt verstärkend. Der Ausgang der Krankheit ist ein ungünstiger, da sie meist einen progredienten Verlauf nimmt und da die verschiedenen therapeutischen Maßnahmen bei ihr erfolglos blieben.

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