Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 8 (1912)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1912)
- Article
- Stand der jüdischen Bevölkerung in Deutschland auf Grund der Volkszählung v. 1. Dez. 1910
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 13 (sequence 7)
- Language
- German
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Wickelung des folgenden Jahrzehnts bewegte sich in denselben Bahnen, sodaß heute nurmehr 31,22 °/o aller bayrischen Juden in Gemeinden unter 5000 Einw. leben, dagpgen in Städten über 100000 Einw. 46,53%, in München allein 20,13%. Es ist nun einleuchtend, daß diese unterbrochene Verschiebung im Standort der jüdichen Bevölkerung innerhalb des Landes ebenfalls auf ihre natürliche Zunahme von Einfluß gewesen ist. Auch dieser Punkt wird sehr oft unberücksichtigt gelassen, weil man allzugern geneigt ist, hauptsächlich das subjektive Willensmoment für die Herabminderung der Geburtenzahl verantwortlich zu machen und übersieht, daß objektive Tatsachen vorliegen, die von dem Willen des Einzelnen gänzlich unabhängig sind. Solange eine Bevölkerung ständig in Bewegung begriffen und von Unruhe erfüllt ist, ist eine gesunde Volksvermehrung unmöglich. Nur wenn lange Zeit hindurch stabile Verhältnisse herrschen, sei es, daß die Masse zum größten Teil jahrzehntelang auf dem Lande wohnt oder in Stadien konsolidiert ist und sich in die neue berufliche und soziale Schichtung eingeordnet hat, ist es möglich, zu einem abschließenden Urteil darüber zu gelangen, worauf die Abnahme der Fruchtbarkeit letzten Endes zurückzuführen ist. Zum Schlüsse wollen wir kurz noch zwei Momente ins Auge fassen, welche an der geringen absoluten Zunahme, bezw. Abnahme der bayerischen Juden schuld sind, die Taufen und Mischehen, deren Zahl gerade in den letzten Jahren sehr gestiegen ist. Was die Anzahl der Taufen anlangt, so ist vor einigen Jahren vom Verein für die Statistik der Juden in München eine Enquete über die Zahl der Austritte aus dem Judentum veranstaltet worden, deren Ergebnisse leider bisher nicht veröffentlicht wurden. Wir besitzen jedoch eine amtliche Angabe über die Zahl der Taufen in München im Jahre 1910. Sie betrug in diesem Jahre dort allein 28. Bedenkt man, daß fast die Hälfte der Münchener Bevölkerung aus Ausländern besteht, also aus einer Schicht, aus der die Taufjuden nicht hervorgehen, so werden wir die Taufziffer als außerordentlich hoch bezeichnen müssen. Das Statistische Amt der Stadt München bemerkt ausdrücklich hierzu, daß ein großer Teil der Getauften Kinder sind, die bald nach der Geburt auf Wunsch der Eltern getauft wurden. Die zahlreichen Kindertaufen sind mit daran schuld, daß die absolute Zahl der jüdischen Geburten so heruntergeht. Die Geburtenzahl enthält demnach gar nicht sämtliche jüdischen Geburten; sie ist in Wahrheit wesentlich hoher, so daß eine exakte Berechnung der jüdischen Geburten und damit auch der FruchtbarkeitszifT'er für Bayern ebensowenig wie für Preußen, wo gleichfalls die Kindertaufen beträchtlich sind, möglich ist. Ferner müssen wir hinweisen auf die steigende. Zahl der Mischehen in Bayern; sie betrug 1876 15,1909 84. Die Folge der Zunahme der Mischehen zeigt sich in doppelter Hinsicht, einmal, indem weniger jüdische Ehen geschlossen werden; es sinkt demgemäß die Zahl der Kinder aus rein jüdischen Ehen, dann aber kommt aas den Geburten aus Mischehen, die schon an sich nicht sehr fruchtbar sind, nur eine kleine Zahl der jüdischen Volks Vermehrung zu gute. Will man positiv an der Gesundung des jüdischen Volkskörpers arbeiten, so muß man jene Faktoren herausgreifen, auf welche eine Einwirkung möglich ist. Ausscheiden muß vorderhand das Wanderungsmoment, weil hierbei wirtschaftliche und politische Strömungen maßgebend sind, denen gegenüber der Einzelwille so gut wie machtlos ist. Auch auf die wirtschaftlichen und psychologischen Ursachen, die bei der Verminderung der Geburtenzahl eine Holle spielen, läßt sich vorderhand noch schwer Einfluß gewinnen. Positiv arbeiten läßt sich dagegen gegen die überhandnehmende Taufseuche und UeberwTucherung der Mischehen, weil hierbei der Einzelwille im Vordergrunde steht.