Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 4 (1908)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1908)
- Article
- Gedanken und Wahrheiten zur Judenfrage [Rezension]
- Date
- 1908-06-01
- Page
- Seite 96 (sequence 1)
- Language
- German
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Literatur. Rost, Hans. Gedanken und Wahrheiten zur Judenfrage. Trier 1907. Wollte man ein Schulbeispiel dafür anführen, wie man Zahlen nicht verwerten darf, so könnte man auf dieses Buch verweisen. Der Verfasser kennt die Ergeh* nisse der modernen jüdischen Statistik, aber ihm fehlt entweder der Wille oder die Fähigkeit, diese Ergebnisse objektiv zu werten. Überall zeigt sich das Bestreben, aus dem Komplexe der statistischen Angaben über die juden diejenigen herauszuheben, die mit Recht oder Unrecht als den Juden ungünstig gedeutet werden können. Dabei bleibt sich der (katholische) Verfasser nicht einmal selbst treu. Er sagt in seiner Vorrede, daß er in gerechtem Zorne seine Ergebnisse über das Judentum niedergelegt habe und erklärt gleich darauf, daß die Aufklärung über die Errungenschaften der Juden den Christen ein Ansporn sein solle zur Nacheiferung im Sinne der Moral des katholischen Christentums. Wie reimt sich das? Derartige Widersprüche finden sich in dem Buche vielfach; so heißt es S. 29, daß „das Judentum fleißig und vorwärtsjagend an den Errungenschaften in Gelehrsamkeit, Kultur und Technik sauge'S während S. 43 darüber geklagt wird, daß „unter der starken jüdischen Interpretation der Wissenschaft die christliche Weltanschauung in bedauerlicher Weise zu leiden habe." S. 94 wird die „unglaubliche Genügsamkeit, Sparsamkeit und Geschäftsklugheit44 der Juden als jüdisches Sc'.morrer- und Schmarotzertum bezeichnet Den christlichen Kaufleuten wird Nachahmung der jüdischen Vorzüge solider Art (S. 96), den christlichen Zeitungen bessere Ausstattung ihres Handels- und Wirtschaftsteils nach Art der liberalen und jüdischen Zeitungen (S. 98), den Christen überhaupt Nachahmung der jüdischen Nüchternheit empfohlen (S. 98), nachdem vorher die jüdischen Kaufieute, die jüdischen Zeitungen und die Juden allgemein arg herunter gemacht worden sind. Es scheint, daß die besonderen Eigenschaften der Juden dem Verfasser nur bei den Juden als Laster erscheinen, daß er sie aber bei den Christen als Vorzüge ansehen würde. Alles in allem: wenn der Verfasser wirklich nicht nur ein für den Tag bestimmtes Pamphlet, sondern einen wissenschaftlichen Beitrag über die Juden liefern wollte, so hat er diesen Zweck verfehlt, denn es mangelt dem Buche auf jeder Seite an derjenigen Objektivität und Zurückhaltung in Worten und Urteilen, die den Gelehrten von dem Pamphletisten unterscheidet. Wir bedauern das sehr; denn eine auf der modernen Statistik fußende sozial wissenschaftliche Abhandlung über die Juden von christlicher Seite wäre gewiß von großem Interesse. Schücking, Walter. Das Hafionüiifäfcnprobkm. Eine politische Studie über die Polenfrage und die Zukunft Österreich-Ungarns. (Neue Zeit- und Streitfragen, 5. Jahrg., 2. und 3. Heft.) Dresden. Zahn $ Jaensch. 1908. 79 Seiten. — 1,50 Mk. Der bekannte Staatsrechtslehrer behandelt in dieser Schrift das Nationalitätenproblem vom Standpunkte der Wissenschaft. Er zeigt zunächst, wie das Problem erst mit der demokratischen Strömung seit der französischen Revolution entstanden ist Eine allgemeine Entscheidung darüber, ob Nation und Staat stets zusammenfallen sollen, hält der Verfasser nicht für möglich. In den Fällen aber, in denen eine Nation nicht einen eigenen Staat, sondern eine Minderheit innerhalb eines anderen Staates bildet, darf diese Minorität nach der Ansicht Schückings keinesfalls entnationalisiert werden. Deshalb hält er auch die von der preußischen Regierung in der Polenpolitik angewandten Mittel, insbesondere das Präventivsystem, für verwerflich und für ergebnislos und ein Einschreiten gegen die nationalen Minderheiten erst dann für zulässig, wenn diese sich eine Verletzung der Gesetze zuschulden kommen lassen. Auch was die Zukunft Österreich-Ungarns betrifft, so wendet sich der Verfasser gegen jede Politik, welche auf die Unterdrückung einzelner Nationen gerichtet ist, und will diesen die Möglichkeit einer freien Entwicklung geben. Überhaupt ist jeder Kampf gegen die nationalen Minderheiten, wie Schücking zum Schluß ausführt, ein aussichtsloser Kampf gegen Ideen. Von Interesse ist die Stellungsnahme des Verfassers zu den jüdisch-nationalen Bestrebungen (S. 24). Er meint, die einzelnen Glieder des jüdischen Volkes seien infolge der langen Zerstreuung schon zu sehr differenziert, so daß s!e schwerlich wieder ein eigenes lebensfähiges Staatswesen bilden würden, dessen Angehörige sich einigermaßen wohlfühlen. Diese Ansicht hat Schücking jedoch, wie aus einer in der „Jüdischen Rundschau" 1908, S. 123 abgedruckten Zuschrift hervorgeht, inzwischen wesentlich geändert. Die schwungvoll und klar geschriebene Studie bietet eine Fülle neuer Gedanken und gibt vielfache Anregungen, so daß ihre Lektüre nur empfohlen werden kann. B. B. Berichtigung. In der vorigen Nummer (Seite 72) lautet der I „Nachtrag zum Studium der Volkszählung vom Jahre Untertitel des Aufsatzes von Goldberg richtig: j 189?% nicht 1907.