Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 4 (1908)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1908)
- Article
- Im russischen Aussiedlungsgebiet und außerhalb desselben
- Date
- 1908-06-01
- Page
- Seite 83 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 83 — ein wesentlicher Unterschied vorhanden ist. In den Gouvernements des Ansiedlungsgebiets lebt vom Ackerbau ein beträchtlich kleinerer Teil der Bevölkerung, als außerhalb derselben; dafür aber ist die relative Anzahl der Bevölkerung, welche von der Industrie, dem Verkehrswesen und insbesondere dem Handel lebt, im Ansiedlungsrayon bedeutend größer als außerhalb. Und eben in diesen Erwerbszweigen ist der Anteil der Juden dominierend oder recht bedeutend. Am klarsten und einfachsten ist das Verhältnis im Handel. Wie die ausführliche Tabelle zeigt, sind die Juden das dominierende Element in allen Orten im Ansiedlungsgebiet und ist in allen Fällen die relative Zahl der handeltreibenden Bevölkerung im Gebiete höher als außerhalb desselben. Es liegt kein Grund vor zu glauben, daß solch ein Unterschied auf Grund des größeren Bedarfs der außerhalb des Ansiedlungsgebietes lebenden Bevölkerung an Handeltreibenden entstanden ist. Die Ursache des scharfen Unterschiedes zwischen den Gouvernements des Ansiedlungsgebietes und der Gouvernements außerhalb liegt augenscheinlich darin, daß in den ersten Gouvernements der Handel als einer der wenigen den Juden zugänglichen Berufe erscheint, und sie gezwungen sind mit ihm sich zu beschäftigen, ohne mit dem vorhandenen Bedarf an Vermittlern und ohne also mit dem ungenügenden Wirkungskreise und Verdienst dieses Erwerbszweiges zu rechnen. Im Durchschnitt kommen in den Gouvernements Pskow und Smolensk auf 100 Personen der Bevölkerung 1,945 Personen, die vom Handel leben, in den Gouvernements Witebsk und Mohilew auf 100 Seelen 5,29 Handeltreibende. Daraus folgt, daß in den Bedingungen, in welchen außerhalb des Ansiedlungsgebietes 100 Personen vom Handel leben, in demselben 270 Personen ihren Lebensunterhalt finden müssen. Nicht so klar ist das Verhältnis in der Industrie. Nicht von allen ihren Zweigen kann mit Bestimmtheit behauptet werden, daß sie für die lokale Nachfrage arbeiten. Daher kann man auch nicht annehmen, daß die Zahl der gewerbetreibenden Bevölkerung in einem bestimmten Verhältnis zur übrigen Bevölkerung einzelner Gouvernements stehen muß. Auch überwiegt nicht in allen Zweigen der Anteil der Juden so sehr, daß man den Überfluß an Angebot der Arbeit in diesen Zweigen der Anwesenheit der Juden in den Gouvernements des Ansiedlungsgebietes zuschreiben müßte. Wir wollen aus diesen Gründen nur einen Erwerbszweig betrachten, das Bekleidungsgewerbe. Von demselben lebt Vs der jüdischen Bevölkerung der Gouvernements Witebsk und Mohilew. Die Handwerke, die zur Gruppe „Bekleidungsgewerbe" gehören (Schneiderei, Weißnahtnäherei,Schusterei) sind inBjeloruß1) meist auf die lokale Abnahme berechnet.2) Unter den dieses Handwerk Betreibenden bilden die Juden im Gouvernement Witebsk 2/3 der Gesamtzahl, in Mohilew 3/4. Und nun zeigt es sich, daß in Pskow von 100 Seelen der Bevölkerung mit diesem Gewerbe 1,09, in Smolensk 1,16 beschäftigt sind, während in den beiden Gouvernements des Ansiedlungsgebietes auf 100 Seelen 2,43 kommen. Das Mittel der beiden ersten Zahlen verhält sich zur letzten wie 100: 220. Von den Berufen, die in den Bestand der Gruppe: Verkehrswesen gehören, lenkt das Fuhrmannwesen die Aufmerksamkeit auf sich. Im Gouvernement Pskow kommen auf 100 Personen der Bevölkerung 0,15, die vom Fuhrmannswesen leben, in Smolensk 0,18, dagegen ist im Gouvernement Witebsk die entsprechende Zahl 0,80 und in Mohilew 0,57. Hier kann der Unterschied nicht zufällig sein. In der Tat sind diese Erwerbszweige im Ansiedlungsrayon hauptsächlich „jüdische". — Im Gouvernement Witebsk bilden die Juden 61% aller Fuhrleute und in Mohilew sogar x) Der Teil Bußlands, den hauptsächlich die Gouvernements Witebsk und Mohilew einnehmen. 3) Nur in Betreff von Hornel gibt es Hinweise, daß die dortigen Schneiderwerkstätten für den südlichen Markt arbeiten, Sammlung der Materialien über die ökonomische Lage der Juden in Rußland. Band I, Seite 265-268.