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Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden · 1908-05-01 · Heft 5 (Mai 1908) · p. Seite 66

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Journal
Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
Volume
4 (1908)
Issue
Heft 5 (Mai 1908)
Article
Die jüdischen Ackerbaukolonien in den Vereinigten Staaten
Date
1908-05-01
Page
Seite 66 (sequence 2)
Language
German
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—■ 66 — Die Metzeleien und später die „zeitweiligen Gesetze" der russischen Regierung, die Tausende von Existenzen vernichteten, zerstörten auch die Hoffnungen und Träume von einer Emanzipation in Rußland selbst. Man richtete auf einmal alle Hoffnungen auf die Ansiedlung in anderen Ländern, sei es in Palästina, sei es in Amerika. „Zur Befreiung, zur Wiedergeburt auf dem Lande!" das war der mächtige, stolze Ruf, der auf den Ruinen der verwüsteten und zertrümmerten Städte ertönte und der in der Organisation mancher Emigranten- Schichten für landwirtschaftliche Zwecke sein Echo fand. Die mehr sentimental gestimmten Elemente gingen nach Palästina, in dem festen Glauben, daß sie nicht nur nach dem Land ihrer Väter, sondern auch nach dem Land ihrer Kinder, dem Land der allgemeinen jüdischen Zukunft gingen. Die mehr nüchternen und rationellen Elemente gingen dahin, wohin die großen Massen ihre Blicke richteten, sie gingen mit dem Strom der Massenwanderung nach den Vereinigten Staaten. Freilich, der Gedanke der Wiedergeburt auf der Grundlage der Landwirtschaft und des Landbesitzes lebte in der gesamten Masse der damaligen Auswanderer, er konnte aber zu keinen realen Resultaten führen, da die Emigration ihrem Wesen nach eine unorganisierte war, und außerdem die äußeren Bedingungen für eine Massenkolonisation fehlten: nämlich die Geldmittel und die Sympathien der amerikanischen Juden und ihrer Anstalten für eine solche Kolonisation. In den breiten Schichten der Auswanderer mußte also der Kolonisationsgedanke weichen, ehe er noch auf sie einwirken konnte. Nur ein unbedeutender Teil der Intelligenz organisierte sich in einem Verband unter dem Namen „Harn Hoilam". Studenten und verschiedene Intellektuelle aus Kiew, Odessa und anderen Städten Süd-Rußlands in der Zahl von 1000 Seelen verpflichteten sich, noch bevor sie das Zarenland verließen, die Fahne der jüdischen nationalen Erweckung nach den Vereinigten Staaten zu tragen, und als Pioniere auf den weiten und freien Feldern Amerikas dieser Befreiung Bahn zu brechen. Sie wanderten in 4 Gruppen im Laufe des Jahres 1882 aus. Ihre Ideale scheiterten aber bald nach ihrer Ankunft, und infolgedessen fiel auch ihre Organisation zusammen. Nur einzelne junge Leute, die ihre Ideale trotz aller Hindernisse nicht aufgeben wollten, hielten sich eine längere Zeit zusammen und gaben sogar in New-York eine eigene Zeitschrift heraus. Die Mehrheit aber verzweifelte und zerstreute sich in verschiedene Staaten, um durch die Beschäftigung mit dem Ackerbau wenigtens sich selbst zu erhalten. Das Resultat war die Gründung von 9 Kolonien in 6 Staaten Amerikas, die ebenso schnell zusammenbrachen, wie sie geschaffen worden waren. Allerdings trugen nicht die Kolonisten selbst, sondern die äußeren Umstände und Verhältnisse die Schuld an dem Zusammenbruch. Die Kolonisten vielmehr wandten sich der Sache mit dem ganzen Eifer und der Kraft ihrer jugendlichen Seele zu und taten alles, was in ihren Kräften lag, um selbständige und fähige Farmer zu werden, wie es besonders aus der Geschichte der Kolonie New-Odessa (Oregon) zu ersehen ist. Diese Leute, die ausschließlich gewesene Studenten russischer Universitäten waren, begaben sich sofort nach ihrer Ankunft in New-York im Frühling des Jahres 1882 nach Texas, Indiana und anderen Staaten, um als Lohnarbeiter auf Farmen die praktische Landwirtschaft zu erlernen. Sie arbeiteten dort schwer, und erst nach einer bestimmten Zeit, als sie ihrer landwirtschaftlichen Fähigkeiten sicher waren, kamen die zerstreuten Elemente wieder zusammen und ließen sich auf einer Farm nieder, die sie in der Gegend von Portland für 4800 Dollar gekauft hatten. Bald aber mußten sie sich überzeugen, daß ihnen noch eine Periode harten Kampfes ums Dasein bevorstehe. Sie hatten in ihrem Getreideabsatz mit den großen Besitzern der Eisenbahnlinien, die den ganzen Getreidehandel monopolisierten, zu konkurrieren und waren infolgedessen gezwungen, ihre Produkte zu Schleuderpreisen zu verkaufen. Sie gerieten in Schulden und sahen sich einem Zusammenbruch

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