Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 6 (1910)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1910)
- Article
- Die jüdischen Spar- und Darlehnskassen in Rußland und Galizien
- Date
- 1910-12-01
- Page
- Seite 185 (sequence 2)
- Language
- German
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— 185 — Kassen. In der kurzen Zeit ihres Wirkens hat sich bereits gezeigt, daß die Darlehnskassen für die jüdische Bevölkerung besonders Rußlands eine Notwendigkeit bedeuten, und daß man sie schaffen müßte, wenn sie nicht bereits existierten. Die jüdischen Spar- und Daiiehnskassen sind Genossenschaften, die durchaus auf dem Boden der Selbsthülfe und der Gegenseitigkeit aufgebaut sind. Alle Mitglieder haften gemeinsam bis zu einer gewissen Summe für entstehende Verluste. Jeder Genossenschaftler muß eine, wenn auch mäßige Einlage leisten (10 bis 15, bisweilen auch bis zu 30 Rubel). Diese Einlage kann jedoch auch allmählich ratenweise eingezahlt werden. Dafür hat jedes Mitglied das Recht, bis zu einer gewissen Summe Darlehen für wirtschaftliche Zwecke zu entnehmen. Die Höchstsumme, die verliehen werden darf, beträgt 100 bis 300 Rubel, eine Summe, die für die bescheidenen Verhältnisse dieser Handwerker und Kleinhändler durchaus genügend ist. Diese Summen reichen immer aus, um diese Leute vor dem wirtschaftlichen Ruin zu retten, wenn sie bestimmte Zahlungen zu leisten haben. Sie genügen aber auch dem Handwerker, der sich Werkzeug kaufen will, oder der infolge von Krankheit oder sonstiger Unglücksfälle sich in Not befindet. Man sieht, wie hier mit verhältnismäßig geringen Summen Großes geschaffen werden kann und geschaffen wird, indem Tausende bedrohter wirtschaftlicher Existenzen durch rechtzeitiges hilfreiches Eingreifen der Genossenschaften vor dem Untergang gerettet werden. Jedermann begreift leicht, wie vorteilhaft es für diese kleinen Leute ist, wenn sie in solchen Notfällen, statt daß sie, wie bisher, sich an einen Wucherer wenden, der sie wirtschaftlich ruiniert, bei ihren Darlehnskassen Hilfe finden können. Das ist natürlich noch in besonderem Maße der Fall in einem Lande, in dem das Geld so knapp und der übliche Zinfuß für geliehenes Geld so hoch ist wie in Rußland. Das Kapital, mit dem die jüdischen Darlehnskassen arbeiten, besteht erstens aus den. Einschüssen der Genossenschaftler, zweitens aus den Depots, die die Sparer den Kassen anvertrauen und drittens aus den im Anfang geleisteten Vorschüssen der „Jewish Colonization Association". Bisweilen verschaffen sich die Kassen die nötigen Barmittel auch durch Anleihen bei anderen Kreditinstituten. Je schneller die Zahl der Mitglieder wächst, desto größer ist zu Anfang das Geldbedürfnis der Kssse, denn jeder Genossenschaftler, der einen Einschuß von 10 oder 15 Rubel geleistet hat, muß natürlich, wenn die Kasse ihm Nutzen bringen soll, auf einen vier- bis fünfmal so hohen Kredit rechnen können. Je stärker jedoch die Mitgliederzahl der Genossenschaft wird und je mehr die Bevölkerung zu der Solidität und Sicherheit ihrer Kasse Vertrauen gewinnt, desto mehr wachsen die ihr anvertrauten Depots und Spargelder an, sodaß diese bald zu einem gewissen Geldüberfluß gelangt und den ihr von der „Jewish Colonization Association" gewährten Unterstützungsvorschuß zurückzahlen kann, der dann wieder einer jüngeren und schwächeren Schwesterkasse auf die Beine hilft. So arbeiten diese jüdischen Spar- und Darlehnskassen seit Jahren in ganz vorzüglicher Weise, indem sie infolge ihrer lokalen Begrenzung alle überflüssigen Verwaltungskosten vermeiden. Interessant ist das Urteil, das ein bekannter Vorkämpfer der ländlichen Darlehnskassen in Frankreich über die ähnlich organisierten Kassen einiger jüdischer Kolonien nach eingehender Prüfung ihrer Wirksamkeit abgegeben hat. Dieser Fachmann äusserte sich wörtlich: „Ich habe in den jüdischen Kolonien besonders das Wirken der auf Gegenseitigkeit begründeten Spar- und Daiiehnskassen bewundert. Sie sind Muster an Einfachheit und sparsamem, praktischem Funktionieren." Die „Jewish Colonization Association" widmet der Förderung und BeaufSichtung dieser Kassen grosse Aufmerksamkeit. Sie unterhält in St. Petersburg ein besonderes Zentralkomitee zur Beratung und Beauf sieh-