Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 6 (1910)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1910)
- Article
- Die Entwicklung der jüdischen Bevölkerung in der Provinz Posen und das Ostmarkenproblem
- Date
- 1910-05-01
- Page
- Seite 73 (sequence 9)
- Language
- German
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— 73 — aus unseren beiden Provinzen rechnen/' . . . ..Da die Händler mit landwirtschaftliehen Produkten und Wirtschaftsbedürfnissen in den beiden Provinzen großenteils jüdischen Glaubens sind, so mag gerade der in landwirtschaftlichen Kreisen seit vielen Jahren verbreitete Antisemitis m u s seinen Teil zur Entwicklung des landwirtschaftlichen Genossenschaftswesens beigetragen haben, ebenso die überall hervortretende Gegnerschaft dieser Kreise gegen den Handel, für welche Kaufmann und Jude synonyme Begriffe sind." So ist die seit Mitte der 70 iger Jahre einsetzende stärkere Abwanderung nur allzu begreiflich. An Stelle der Proletarier- Auswanderung der 40 er Jahren, die seit 1870 fast stille stand, ist aber nunmehr eine Bourgeoisie - Emigration getreten. W a s sollten die Juden auch in einer Provinz anfangen, in der ihnen wirtschaftlich und gesellschaftlich von Polen und Deutschen, von den Genosse n sc haften wie von der An s i e dl uiigskommi s sion gleichmäßig und systematisch entgegen gearbeitet wird?! Das Sitzen zwischen zwei Stühlen ist eben auf die Dauer keine gesunde Situation. Das Resultat dieser Entwicklung ist aus Tabelle V, VI u. VII, die ich teilweise Bernhard und Zitzlaff entnommen, teilweise nach ihren Angaben berechtet habe, ersichtlich. In geradezu fluchtartiger Weise verlassen die Juden die ungastliche Provinz. Ihre Zahl betrug: 1840 : ca. 81000 1871 : „ 61982 1905 : 30433 34 Jahre haben genügt (seit 1871), um die Juden auf die Hälfte zu reduzieren! Dabei ist die Abwanderung in den beiden letzten Jahrzehnten sogar stärker gewesen, als v o r dem Jahre 1885 (Tabelle Vb)! In den Landgenieinclen werden wohl bald überhaupt keine Juden mehr vorhanden sein. In den Jahren 1R75—85 ist ihre Zahl um 21%, in den Jahren 1885—95 ist diese verminderte Zahl nochmals um 31°/0 gesunken, so daß der Gesamtverlust seit 1S71—95 45% des damaligen Bestandes beträgt. Die analogen Ziffern für die S t a d t g e m e i n d e n sind etwas brünstiger: 1871—85 18% 1885—95 21% 1871 — 05 33%*) Tabelle VI gibt nur zu wenigen Bemerkungen Anlaß. Es zeigt sich, daß fast in demselben Maße, in dem der Anteil der J u den an der Bevölkerung zurückging, der Anteil der Polen gewachsen ist!! So hat sich die g e g e n die Juden gerichtete Kolonisationspolitik bitter gerächt! Ein paar Beispiele! Juden in % Bev. Polen in % d. Bev. 1840 1905 1840 1905 Miloslaw 34 7 (-27) 54 83 (+29) Wreeschen 45 5 (—40) 43 70 (+Ti) Pudewitz 23 4 (-19) 50 61 (+11) Seil ro da 15 3 (-12) 76 86 (+10) Kurnik 43 4 (—39) 50 37 (+Ä) 70 (+1B) Schrimm 27 6 (-19) 52 Krempln 13 4 (-9) 67 76 (+9) Grätz 45 4 (-41) 36 74 (+38) 72 (+26) Neustadt 33 7 (-26) 46 Schwerin 31 2 (-29) 17 41 (+24) Krotoschin 32 4 (-28) 37 56 (+19) Kempen 57 14 (-43) 25 59 (+34) *) Es ist selbstverständlich, daß mit den obenstehenden Bemerkungen die Grunde, welche zurAbwanderung derjuden seit den 70er jähren geführt haben, keineswegs erschöpfend wiedergegeben sind. Wenn es auch nicht richtig ist, wie die Königliche Ansiedlungskommission in ihrer Denkschrift „20 Jahre deutscher Kulturarbeit" meint, daß die „günstigeren E r w e r b s v e r h ä 11 nisse des We s t e n s* für die Abwanderung der Juden allein aus* schlaggebend waren (Angabe anderer Gründe wäre gleich bedeutend mit einer Selbstanklage der Kommission!), so ist doch sicher, daß die bessere Konjunktur im Westen manchen Abwandernden angelockt hat, wie andererseits zahlreiche wohlhabendere Elemente aus ländlichen Gebieten Posen und Breslau als Wohnsitz wählten, wodurch selbstverständlich die Bevölkerung der Landdistrikte und der kleineren Städte eine weitere Verminderung erfuhr. Von Bedeutung war zweifellos auch die preußische Schulpolitik, die, da sie der Provin: keine Hochschulen gewährte, den Akademikern unter den Juden es unmöglich machte, ihre Ausbildung in der Provinz zu beenden. Sicher fehlt es ferner nicht, außerdem an Re nt n e r auswanderen!, die, wenn auch die gesellschaftliche Lage der Juden in der Provinz erquiklicher gewesen wäre, doch ihre Renten in größeren Städten des Westens verzehrt hätten. (Vergleiche jetzt auch die Denkschrift des Verbandes der deutschen Juden von Justizrat Breslauer, über die Abwanderung der Juden aus :?er Provinz Posen. Dieselbe konnte von mir nur noch anmerkungsweise benützt werden),