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Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden · 1910-05-01 · Heft 5 (Mai 1910) · p. Seite 71

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Journal
Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
Volume
6 (1910)
Issue
Heft 5 (Mai 1910)
Article
Die Entwicklung der jüdischen Bevölkerung in der Provinz Posen und das Ostmarkenproblem
Date
1910-05-01
Page
Seite 71 (sequence 7)
Language
German
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— 71 — Setzt man die im Jahre 1849 in der Provinz Posen anwesenden Juden 100, so verhält sich ihre Zahl im 1905 hiezu wie 39,5 : 100, also Abnahme um über 60% in 55 Jahren! Die Ursachen der starken Auswanderung von 1S34— ca. 1870 sind von uns schon klar gelegt worden: Drückende soziale Lage, bei der seit den 30 er Jahren die sich immer freier bietende Auswanderungsmöglichkeit äußerst willkommeu erscheinen mußte. So bleibt uns noch übrig zu zeigen, wieso in den TO er Jahren sich anfangs ein Umschwung vollzog und worauf der dann wieder neu erwachte Auswanderungstrieb zurückzuführen ist. Bis in die ausgehenden 60 er Jahren war die Abwanderung der Juden eine proletarische gewesen. Bernhard hat Recht, wenn er in seiner Schrift „Die Städtepolitik im Gebiet des deutsch-polnischenNationalitätenkampfes" (1909; S. XV): sagt Die Auswandernden waren zum großen Teil Proletarier, jüdische Handwerker, die ihr unlohnend gewordenes Gewerbe den Polen überließen. Gleichzeitig hatte sich aber mit einem Teil der jüdischen Bevölkerung eine Wandlung vollzogen. Die Juden gewannen allmählich im Handel an Bedeutung, und nachdem ihnen allmählich alle kommunalpolitischen Rechte gewährt worden waren, gelangten sie in den meisten Stadtverwaltungen zu Ansehen und Macht.*) „So vollzog sich gewissermaßen eine Auslese. Der proletarische Jude verschwand allmählich, und im deutschen Bürgertum standen die Juden bald an erster Stelle. Sie waren in jedem Sinne fortschrittlich, vertraten den politischen Liberalismus und gingen bei städtischen Reformen den andern Gruppen und Parteien oft voran." (Bernhard) Es ist leicht begreiflich, daß die jüdische Stadtbevölkerung sich unter solchen Umständen weit weniger leicht zur Auswanderung entschloß und daß die E_i n wT a n d e r u n g aus dem Osten an-; gelockt wurde. j *) Vgl Bernhard, a. a O. u. J a f f e , die Stadt j Posen unter preußischer Herrschaft (1909; S. 178 ff.) | | Allem in den letzten 30—40 Jahren hat I sich eine bedeutsame Veränderung vollzogen. Das Judentum wurde zwischen zwei Gewalten eingeengt, denen es auf die Dauer nicht widerstehen kann. Lassen wir Bernhard, den besten Kenner der Polenfrage, reden: „Auf der einen Seite erhebt sich das polnische Gemeinwesen, das in den letzten 20 Jahren groß wurde, von „polnischen Beamten", „polnischen Ein-u. Verkaufsgenossenschaften", „polnischen Berufsvereinen" getragen; ein polnisches Wirtschaftssystem . . das von Jahr zu Jahr wachsende Teile des Handels und des Kreditverkehrs den Polen reserviert. Das ökonomischpolitische Mittel, mit dem die Poleu sich Bahn brechen, ist der nationale Handelsboykott, verbunden mit einem scharfen Antisemitismus. — Kauft nicht bei Juden! Laßt Euch nicht von Juden bewuchern! Gebt den Juden nicht Eure Ernte! Laßt Eure Hypotheken nicht von Juden regulieren! — Das sind die Schlagworte, die man nicht nur in jeder polnischen Zeitung liest, sondern die auch in den Monats versammlungen der polnischen Bauernvereine immer von neuem wiederholt und von Seiten der Genossenschaft verbreitet werden. Wie stark das gewirkt hat, weiß jeder, der den Osten kennt. Wohl aus jeder Stadt, die im Gebiete des polnischen Nationalitätenkampfes liegt, sind jüdische Getreidehändler, Viehhändler, „jüdische Läden" verschwunden, weil die „bank ludowy" und der „Rolnik" (Polnische Ein- und Verkaufsgenossenschaft), ihnen den Verdienst systematisch schmälerten, unterstützt durch den nationalpolitischen Handelsboykott. In den verschiedensten Formen vollzieht sich dieser unvermeidliche Vorgang, der das polnische Gemeinwesen von „Fremdkörpern" befreit." Dazu kommt andererseits, daß die Juden auch unter der Gegenaktion der preußischen Regierung zu |leiden haben.; Auch die deutsche Siedlungspolitik beruht auf I dem Genossenschaftswesen. Man i hofft „dem geschlossenen und befestigten j nationalpolnischen Wirtschaftssystem ein festes

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