Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 5 (1909)
- Issue
- Heft 8 (August 1909)
- Article
- Die Bedeutung des jüdischen Proletariats für die englische Industrie
- Date
- 1909-08-01
- Page
- Seite 125 (sequence 5)
- Language
- German
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— 125 — eine höhere Stufe der Entwicklung zu bringen und sie den neuen Wirtschaftsformen anzupassen, das gelang den jüdischen Einwanderern. Zwei Triebkräfte wurden durch die Juden in das Schneidereigewerbe hineingetragen und wurden so dieser Industrie förderlich: nämlich die Arbeitsteilung und die Anwendung mechanischer Hilfskräfte, der Nähmaschine. Die Umwandlung des Produktionssystems und der Arbeitsmittel hatte zur Folge, daß die Intensität und Produktivität innerhalb der Schneiderei auf das gewaltigste stieg. Dieser Umstand im Zusammenhang mit der Vermehrung der Arbeitskräfte durch die Einwanderung bot die Möglichkeit, die Kleiderproduktion ins Ungeheure zu steigern. Daraus ergab sich nun ein Doppeltes : einerseits war man auf den Import aus Deutschland nur noch in unbedeutendem Maße angewiesen; andererseits wuchs die Konsumtion infolge der beträchtlichen Verbilligung der Kleider ungemein. Neben der alten Schneiderei, die auf Bestellung arbeitete und in allen Punkten nach mittelalterliehen Zunftregeln geordnet war, entwickelte sich eine moderne jüdische Industrie von fertigen und billigen Kleidern, und nach einigen Jahren begann Großbritannien, das bisher Kleider importiert hatte, sich in ein Kleider exportierendes Land zu verwandeln. Es befriedigte nicht nur die gesamte Konsumtion im eigenen Lande, sondern versorgte auch seine auswärtigen kolonialen Märkte mit seinen Kl eicl erpro dukten. Die jüdischen Einwanderer wurden auf diese Weise die Träger jenes historischen Prozesses, den die Schneiderei in England in den letzten 30—40 Jahren durchmachte, nämlich des Überganges von der Einzelproduktion zur Massenproduktion, oder technisch ausgedrückt, des Überganges vom Handwerk zur Manufaktur. Es war nur natürlich, daß fast die gesamte Produktion der fertigen Kleider, speziell der Pocke, Fräcke und Frauenmäntel sich in jüdischen Händen konzentrierte. Nur zwei Branchen der Schneiderei blieben der jüdischen Arbeit fern: erstens die quantitativ | viel weniger bedeutende, aber qualitativ höher | stehende Branche der Maßarbeit — der Kleider, i die auf Bestellung gemacht werden —, die noch I bis auf den heutigen Tag in den Händen der; englischen Handwerker oder der großen eng- I lischen Magazine im West-Ender Viertel liegt; I zweitens die Produktion von fertigen Hosen; und Westen, in der zumeist englische Frauen i beschäftigt sind. In den letzten Jahren zeigt! sich allerdings die Tendenz zum Eindringen der jüdischen Arbeitskraft auch in dieses i Gebiet des Schneidergewerbes; besonders in; der Hosen- und Westenherstellung sind die; Juden ganz erheblich vertreten. | Eine wreitere Industrie, in welcher das i jüdische Proletariat sich besonders betätigt,! ist die Schuhmacherei. Im Gegensatz zu der | Schneiderei, wo der Einfluß der jüdischen j Arbeiter ganz entschieden progressiv war, j wo sie die Arbeitsmittel und Arbeitsmethoden I von niederen Formen in höhere umwandelten, : ist die Polle desselben in der Schuhmacherei : in gewissem Sinne regressiv gewesen — indem sie von höheren Formen zu niederen übergingen. : Während nämlich durch das Eindringen der; Juden in die Schneider-Industrie das Hand-; werk sich in Manufaktur umwandelte, wandelte; sich umgekehrt in der Schuhmacherei nfolge \ Eindringens jüdischer Arbeiter die Fabrik- : Arbeit in die handwerksmäßige. Die Schuhmacherei in England hatte lange vor der j jüdischen Einwanderung den Charakter der; mechanischen Produktion angenommen und 1 die großen Schuhfabriken in Leicester, Nort-; hampton, Chesham und auch London waren : es, die den Schuhbedarf zum größten Teile; deckten. Die neueingewanderten jüdischen; Arbeiter haben nur kleine Werkstätten errichtet, \ in denen die Handarbeit die Hauptrolle im '> Arbeitsprozesse spielt. Nur die billigsten I Arten von Schuhen werden in diesen Werkj stätten hergestellt. Die eben angeführten; Tatsachen werden von Mr. Llewelyn Smith; bestätigt. Dieser sagt nämlich in einem i Artikel in Charles Booth's „Life and; Lobour of the People in London": „Wenn | wir den Einfluß, den die russischen und