Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 3 (1907)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1907)
- Article
- Dr. Alexander Dietz [Rezension]
- Date
- 1907-06-01
- Page
- Seite 96 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2650397-3187638-3187645-3189460--1171-3189503- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
— 96 — welche wertvolle Aufschlüsse über die Gestaltung des sozialen Lebens im Ghetto gibt und zur Kenntnis der Namensbildung bei den Juden wesentlich beiträgt, ist ein sehr erwünschtes Queüenwerk für den jüdischen Historiker. R. Connard. L'Emigration europeenne au XIX e siecle. 297 S. Kl. 8. (Librairie Armand Colin, Paris 5, rue de Mezieres 1906). Der Verfasser, Professor an der juristischen Fakultät der Universität zu Lyon, behandelt den gegenwärtigen Stand und die zukünftigen Aussichten der überseeischen Kolonisation der europäischen Völker, indem er hauptsächlich von 2 Gesichtspunkten aus die Emigrationserscheinungen auffaßt: vom politischen und demographischen. Er fragt also : 1. Wie wirken die neuen Ansiedlungen auf die Erweiterung der politisch-wirtschaftlichen Machtsphäre der betreffenden Staaten ein?. 2. Bedeutet die Emigration einen Gewinn oder Verlust für das beteiligte Volk, seine Eigenart und nationalen Güter? Leider hat der Verf. nur einige der wichtigsten Völker ins Auge gefaßt, hingegen über die Wanderungserscheinungen der Juden, die doch inbezug auf die zweite Frage zu höchst interessanten Untersuchungen Anlaß geben müßten, nur ganz wenige Angaben gebracht. Die beiden Länder, von denen die jüdische Auswanderung hauptsächlich ausgeht, Rußland und Oesterreich-Ungarn werden ganz kurz abgetan. Hingegen ist das für die angelsächsische, deutsche und italienische Emigration und Kolonisation gebotene Material sehr instruktiv. Die Ausführungen des Verfasser geinl p darin, daß es keiner von den in Betracht kommenden Nationen oder Volksstämmen, auch nicht demangelsächsischen Stamme, der den imposantesten Siegeszug durch die unerschlossenen Territorien in der Neuzeit gemacht hat, beschieden ist, den eigenen Charakter ausschließlich zur Geltung zu bringen und anderen aufzud rücken, vielmehr wird die Gestaltungder Völkerkarte in der neuen Welt zum Teile der europäischen ähnlich werden, indem in verschiedenen Gebieten bestimmte Rassen zur Vorherrschaft gelangen, in anderen wiederum nur eine aus mehreren Völkern resultierende Mischrasse und Mischkultur entstehen wird. Die Schilderung ist lebhaft, klar und gemeinverständlich. Iqnaz Schipper. Anfänge des Kapitalismus bei den abendländischen Juden im früheren Mittelalter (bis zum Ausgang des XII. Jahrhunderts), 66 S., gr. s. Wilhelm Braumüller, Wien und Leipzig 1907. Preis 1,80. Die Arbeit ist ursprünglich in der Wiener Zeitschrift für Volkswirtschaft, Sozialpolitik und Verwaltung erschienen. Unter fleißiger und verständnisvoller Benutzung eines ziemlich ausgiebigen Quellenmaterials führt der Verf. den Nachweis, daß die Juden, die zu Beginn der Diaspora mit Rechten der cives Romani ausgestattet, ursprünglich den Ackerbau als Hauptbeschäftigung Kannten, sodann als Repräsentanten des Welthandels zwischen Orient und Okzident auftraten und später erst mit den im Handel erworbenen mobilen Kapitalien, aus ihrer bisherigen wirtschaftlichen Position durch den neuaufgekommenen christlichen Kaufmannsstand verdrängt, Geld- und Wuchergeschäften sich zuzuwenden gezwungen wurden. Es soll mit der Anschauung, die von einer spezifisch jüdischen Veranlagung zum Handel als der primären Ursache der wirtschaftlichen Betätigung der Juden ausgeht, aufgeräumt werden. Wenn auch das vom I Verf. aufgebrachte historische Material zur Lösung dieser j Frage noch nicht ausreicht, so beleuchtet seine Schrift I immerhin in höchst anerkennenswerter Weise die Ent- ■ Wickelung der wirtschaftlichen Verhältnisse der Juden; im frühen Mittelalter, für die bis jetzt so wenige ernste I Arbeiten vorliegen. J. T.! Studien zur Beuälkerungsbecoegung in Deutschland in den letzten Jahrzehnten mit besonderer Berücfesichtung der ehelichen f ruchtbarheit von Dr. Paul Mombert, Privatdozent an der Universität Freiburg im Br. Karlsruhe 1907. Preis 8 Mk, | In vorliegendem Buche haben wir es mit einer Ar- I beit zu tun, die in hohem Maße geeignet ist, Licht in I einer Reihe von dunkeln Fragen der Bevölkerungsstatistik j zu verbreiten und die aus diesem Grunde auch den | Lesern dieser Zeitschrift zum Studium empfohlen werden | muß. Es kann hier nicht der Versuch gemacht werden, I auch nur das wiederzugeben, was der Autor über die | bevölkerungsstatistischen Eigenheiten der Juden zu sagen j weiß. Wir müssen uns vielmehr begnügen, zu konstaj tieren, daß liombert, der erfreulicherweise die neue | Literatur über die Statistik der Juden ausführlich benützt! hat, im wesentlichen auf demselben Standpunkt steht; wie Arthur Ruppin und der Referent. Das geht besonders j daraus hervor, daß er sich folgendes Wort aus dem I modernen „Kapitalismus" Sombarts (1, S. 30) zu eigen | macht: „Das (sc. das Zurückführen des sozialen Lebens auf Rasseneigentümlichkeiten) ist alles gut und vortrefflich. Aber es ist so herzlich wenig, es führt über einige allgemeine und darum recht nichtssagende Wahrheiten nicht hinaus, ganz abgesehen davon, daß die Ein-! Stellung /on Rasseneigentümlichkeiten in einen | sozialen Kausalzusammenhang doch immer eine i Verlegenheitsoperation ist, ein Durchhauen des! Knotens bedeutet, wo eine Lösung verlangt wird. Denn I das Rassenmerkmal als Erklärung eines Phänomens zu | benutzen, heißt den kausalen Regressus sehr früh ab- I brechen, heißt auf die Aufdeckung innerer psychologischer! Zusammenhänge verzichten, heißt im Grunde eine Ban-; kerotterklarung aller wirklicher Motivierung. Weshalb I denn das Operieren mit Rassenmerkmalen so beliebt bei ' allen geistreichen Dilettanten geworden ist. Ich meine, j man sollte sich bei einer Erklärung solcher Art nur im j äußersten Notfall beruhigen und bei Feststellung sozialer j Kausalzusammenhänge das Rassenmoment lieber j als bedingendes, aber nicht als verursachen des! Moment in Betracht ziehen." Dr. R. Wassermann. Bibliü Hebraica, Massoretisch-kritischer Text des Alten Testaments, genau durchgesehen nach der Massorah und nach alten Drucken nebst Varianten und Randglossen aus alten Handschriften und Targumim von David Ginsburg. London 1906. (Verlag Carl Fromme, Wien) Preis Mk. 6—7 mitteilungen zur jüdischen Volkskunde. Organ der Gesellschaft für jüdische Volkskunde in Hamburg. Jahrgang III, Heft 2. Inhalt: A. Chachanow: Die grusischen Juden. — W. Bacher: Ein Lied zu Simchat-Thorah. — Dorothea Weissenberg: Moses Tod. — W. Zeitlin: Aus Kindermund. — Heckscher: Zur Geschichte des Grindelfriedhofs in Hamburg.