Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 3 (1907)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1907)
- Article
- Die soziale Unruhe der modernen Juden
- Date
- 1907-05-01
- Page
- Seite 78 (sequence 2)
- Language
- German
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— 78 — heit ihrer Lage verknüpfte schnelle Wechsel von Reich- tum und Armut ein Patriziat nicht aufkommen ließen. : Der Lobenskrois, der die Juden bis zu ihrer Ernanzii patmn umschlossen hielt, haue nichts von der sozialen | Diilerenzierung, der Gruppen bildung, der Arbeitsteilung \ der Völker Westeuropas, insbesondere aber Deutschj lands. Es fehlte ihnen damit das wichtigste Mittel, j um sich bei Erlangung der Emanzipation der Gesell- I schaft, der sie aufgepfropft wurden, einzugliedern. Es j ging ihnen wie Schulkindern, die in eine fremde Schule; gebracht werden und nicht wissen, für welche Klasse | sie reif befunden werden. Der Handelsstand war wegen j der Beweglichkeit seiner Besitzart und der damit verbundenen fJodenüüchtigkeit nicht geeignet, den Juden ein Eesrwurzeln in der neuen (*esellschaftssphäre, eine organische Eingliederung, im Staate zu erleichtern. Su kam es, daß sie sich keiner einzigen sozialen Schiel] t als zugehörig fühlten und ruhelos immer darnach strebten, | in eine höhere Schicht, in eine andere Lebenssphäre aufzusteigen. Als f olge dieses leichten Wechseis der Klasse und des Standes trugen sie das Element der Unruhe in den modernen Gesellschaftskörper hinein. Erst in neuester Zeit hat sich hierin bei den Juden in Deutschland zu Gunsten einer fortschreitenden Eingliederung in die Gesellschaft ein Wandel vollzogen. Die Herkunft der Jückft wird von Ferdinand Goldstein im Globus Bd. 91, Hett 8 erörtert. Er verwirft die Annahme?, daß die heutigen Juden von den aus Judäa vertriebenen Juden abstammen, vielmehr habe die jüdische Religion, nach Zerstörung des jüdischen Staates durch Aufnahme von Proselyten eine Menge : von Personen umfaßt, unter denen die aus Kanaan gekommeneu jaden nur eine kleine Minderheit gebildet hätten. „Die christliche Eeligion stammt aus Kanaan j ebenso wie die jüdische, so wenig aber die Träger des j Christentums daher stammen, so wenig ist es bei den; Trägern der jüdischen Religion der Fall, und eben so i wenig wie jene bilden diese eine somatische Einheit. | Es existiert indessen ein bestimmter Typ, der zwar | überall in der Welt vorkommt, den man aber dennoch; als spezifisch jüdischen oder semitischen bezeichnet. \ Dieser spezifische Judentyp findet sich in auffallend \ großer Zahl und in verhältnismäßig großer Dichte unter : den Völkern des Kaukasus. Bei den Tschetschenzen i ist er weit verbreitet. Bei den Kürinern ist er ebenso ■ allgemein wie bei den Zachuren. Die Stämme der j Andier gelten für Juden, und ihr Ausgehen ist so un- I bedingt jüdisch, daß sie von Warschauer Juden gar-! nicht zu unterscheiden sind. Bm der großen Energie, j mit der der menschliche Körper seine Eigentümlichj keiten iesthält, wird man schwerlieh einen Zusammenj hang zwischen den Völkern des Kaukasus und einem j Teile der europäischen .luden in Abrede stellen können, i und die Ueberlieferung weist ebenfalls auf einen! solchen hin." j üeber die grufifdten Juden veröffentlicht Prof. j A. Chachanow in den Mitteilungen zur jüdischen j Vo 1 ks k u nd e Hett 22 einige Angaben. Danach wohnen j die Juden, deren Existenz in Grusien schon im 3. Jahrj hundert n. Chr. erwähnt wird, gegenwärtig in den j Städtch.n Zchinwaly, Suram und Kareli im Gouverj nement Tiflis, Lailasehi, Sudshuny, Satschcheri, Lachai muli und Oni im Gouvernement Kutais. Von den Städte]) weisen eine zahlreiche jüdische Gemeinde folgende auf: Tiflis, Gori, Achalzioh und Kutais. In den früheren jüdischen Ansiedlungen — Mzchet und Kachetien — sind jetzt keine Juden mehr vorhanden. Man muß bemerken, daß die Juden aus Lachamuli (in Jwanetien) sich bereits zum Christentume bekennen. Die grusischen Juden treiben hauptsächlich Kleinhandel; sehr selten bringen sie es aber zu großer Wohlhabenheit. Sie bewohnen besondere Stadtviertel und assimilieren sich nicht mit der übrigen Bevölkerung. Die Juden haben nicht nur ihre Religion, sondern auch ihren anthropologischen Typus beibehalten. In ihren Schulen werden die Kinder in der hebräischen Sprache unterrichtet, aber sehr wenige beherrschen dieselbe. Die grusische Sprache wird auch gelehrt, besonders in Kutais, wo es einige wohlhabende Juden gibt. Hier stehen sie auch kulturell auf einer höheren Stufe, wohnen reinlicher und reicher im Vergleich mit der allgemeinen Volksmasse, die unter der Armut und chronischem Hunger leidet. Die Unsauberkeit der Juden während epidemischer Krankheiten (z. B. Cholera) hatte eine große Sterblichkeit zur Folge. Diese Ursachen erklären die schwache Vermehrung und sogar eine Verminderung der Zahl der grusischen Juden. Unter den Dorfjuden gibt es nicht wenige Ackerbauer und Handwerker, aber die Hauptbeschäftigung ist doch der Handel. In allen Teilen Grusiens begegnet man dem wandernden jüdischen Händler. — ^.^ jüdifdie Beuöikerung in ChafIoffenburc$. Charloftenburg ist in den letzten Ji 20 Jahren enorm gewachsen; sie betrug im Jahre 1885 478 1,13 °/0 der Gesamt-Bevölk. von 42371 1890 1475=1,92 '„ „ „ „ 76859 1895 4687-3,54 r „ r „ „ 132377 1900 9701=5,12 „ „ „ „ 189305 1905 15881=6,95,, „ 238704 Die Juden sind im Weichbilde der Stadt sehr ungleichmäßig verteilt; in den Arbeitervierteln Nonnendamm, Königsdamm, Marrinikeufelde, Kalowswerder und Schloßviertel erreichen sie noch nicht 1 u/0 der Gesamtbevölkerung; sehr gering ist ihr Anteil auch in Westend (1,74 %), dagegen hoch im Ostviertel mit 16,91 % und am Kurfürstendamm, dem vornehmsten Stadtteile, mit 18,01 Die statistischen Daten über die Bewegung der Bevölkerung in Charlottenburg im Jahre 1905, die wir dem 20. Heft der Charlottenburger Statistik (Charlotten bürg 1907) entnehmen, beanspruchen deshalb besonderes Interesse, weil Charlottenburg die reichste deutsche Stadt ist und auch die durchschnittliche Wohlhabenheit der Charlottenburger Juden kaum in irgend einer anderen Großstadt erreicht oder übertroifen werden dürfte. Eheschließungen fanden statt zwischen jüdischem Mann und jüdischer Frau 107 „ „ „ » christlich. „ 10 „ christlich. „ „ jüdischer „ 9 „ christlichen oder dissideni Ehegatten 2080 Es entfielen hiernach, wenn man die Mischehen je zur Hälfte den Christen und Juden zurechnet, Eheschließungen