Mannheim
Compact Memory

Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden · 1906-12-01 · Heft 12 (Dezember 1906) · p. Seite 192

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
Volume
2 (1906)
Issue
Heft 12 (Dezember 1906)
Article
Die abessynischen Juden
Date
1906-12-01
Page
Seite 192 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2650397-3187651-3187663-3189104--0901-3189136
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 192 — Fai'tlovitsch, welcher beinahe zwei Jahre, 1901 und 11)05, unter den Falaschas zugebracht und seine Erfahrungen in einem vorläufigen Reisebericht (Notes d'un voyage chez les Falaschas. 27 S. Paris, Ernest Leroux, 1905) an E. v. Rothschild, welcher die Reisekosten trug, erstattet, veröffentlicht hat. Ihr Name Falascha bedeutet „Verbannte, Fremde", sie werden aber auch Kailäs genannt, was „nicht überschreiten * bedeuten soll, wohl mit Beziehung auf das Verbot einen Fluß am Sabbat zu überschreiten. Man begegnet den Falaschas überall in Abesssynien. Am zahlreichsten wohnen sie im Amhara, weniger zahlreich sind sie in Tigrc und Schoa, aber auch in den Gallaländern sind einige anzutreffen. Während der letzten Jahre ging ihre Zahl hauptsächlich infolge der zwangsweisen Bekehrung zum Christentum bedeutend herunter. Faitlovirsch konnte feststellen, daß viele von diesen Convertiten gerne zum Judentum zurückkehren würden, wenn die Verfolgungen der habsüchtigen Befehlshaber, welche dazu von einem fanatischen Clerus angestachelt werden, sie davon nicht abschreckten. Die bekehrten Falaschas der Provinz Dembea bilden eine Vereinigung für sich, sie verkehren weder mit den Abessyniern noch mit den Juden, welche sie aus religiösen Rücksichten verstoßen haben. Ein altes, leider zu gut bekanntes Bild I Die Falaschas rühmen sich jüdischer Abstammung zu sein, wogegen aber ihre schwarze Haut etwas spricht. Von den Feiertagen kennen sie Chanukka und Purim nicht. Die Feiertage setzen aber gewöhnlich 1 ei ihnen um etwa zwei Tage früher ein, da bei ihnen die Monate mit dem wirklichen Neumonde anfangen und nicht etwa zwei oder drei Tage später, wie es bei uns nicht selten der Fall ist. Die biblischen Reinheit*- und Nidda-Gesetze werden streng befolgt. Beschneidimg wird an beiden Gescbleehtern geübt. Poligamie ist verpönt, die Frau führt ein freies und würdiges Leben. Die Falaschas sind die einzigen Handwerker im Lande und deshalb geachtet, aber auch zu verschiedenen Frondiensten gezwungen. Man könnte ihre Lage im allgemeinen gut nennen, wenn nur die einheimischen Missionäre, von ihren europäischen Meistern geleitet, sie in Ruhe lassen wollten. S. W. Literatur. Dr. Hugo Hoppe, Alkohol und Kriminalität. (42. Heft der Grenzfragen des Nerven- und Seelenlebens) 208 S. Wiesbaden, j. F. Bergmann l(JÜf> Der Verfasser, der sich durch seine frühere mehrfach aufgelegte Schrift „Tatsachen über den Alkohol" in der Literatur über die Alkoholfrage bekannt gemacht hat, unternimmt es in dem vorliegenden Buche, den Einfluß des Alkoholgenusses auf die Häufigkeit aller Arten von Delikten zu verfolgen. Hierbei geht er auf S. 122 bis 130 insbesondere auch auf die Kriminalität der Juden ein und gelangt zu dem Ergebnis, daß die geringe Beteiligung der Juden an den Verbrechen und Vergehen gegen die Person (insbesondere Körperverletzung) und an den flagranten Eigentumsdelikten hauptsächlich eine Folire ihrer außerordentlichen Mäßigkeit ist. Die Richtigkeit dieser Festsrellung ist nicht zu bezweifeln: nur muß betont werden, daß außer der Mäßigkeit auch noch andere Faktoren (größere Bildung und Wohlhabenheit, Bevorzugung bestimmter Berufe, geringere Körperkraft) überall mitwirken. Bemerkenswert ist die Ansicht des Verfassers, daß in den Großstädten die Juden und insbesondere die jüdischen Akademiker sich von der alten Mäßigkeit zu emanzipieren und die Trinksitten der übrigen Bevölkerung anzunehmen begonnen haben. A. R. Dr. Kudolf KJassermann, Beruf, Konfession und Verbrechen. Eine Studie über die Kriminalität der Juden in V e r - g angenhei t u n d Oege n w a r t. 100 S. München, Ernsu Reinhardt 1007. Preis 5 M. Der unsern Lesern durch mehrfache Abhandlungen in dieser Zeitschrift bekannte Verfasser gibt in der (als 2. Heft der von Professor Georg v. Mayr herausgegebenen „Statistischen und Nationalökonomischen; Abhandlungen" erschienenen) Arbeit auf Grund der vorhandenen Literatur eine Zusammenfassung dessen,; was sich nach dem heutigen Stande der Kriminalj Statistik über die Kriminalität der Juden sagen läßt. I Sein Hauptbestreben geht dahin, im Anschluß an Lin-! denau die Kombination zwischen Konfession, Alter und | Beruf so weit wie möglich durchzuführen und dadurch I über die heutige offizielle Kriminalstatistik hinaus-! zukommen, weiche die verschiedene Berufs- und Altersj gliederaiu>' bei Juden und Christen nur unvollkommen! berücksichtigt. Er gelangt zu dem Ergebnis, daß die eigenartige Kriminalität der Juden sich durchweg als Folge ihrer eigenartigen Berufs- und Altersgliederung erklären läßt, und daß in Deutschland und Oesterreich die Kriminalität der Christen der Kriminalität der Juden in demselben Maße ähnlicher wird, als jene Länder sich | zum Industriestaat entwickeln, d. h. die Berufsgliedej rung der Christen sich derjenigen der Juden annähe;! j „Jedes Land hat die Kriminalität der Juden, die seinen | politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen entspricht,; d. h. die Kriminalität der Juden eines Landes ist nichts | Festes, sie ist nicht bedingt durch die Rasse und wurzelt I nicht im Wesen einer jeweils mehr oder minder ans-! geprägten jüdischen Eigenart. Sie ist vielmehr das | Produkt sozialer Verhältnisse, auf das Rasseueigen-; tümlichkeiten, wenn überhaupt, nur in einem ganz I geringen Maße einwirken." | Den Schluß der lesenswerten und leicht verständ- \ lieh geschriebenen Schrift bilden Vorschläge, wie die '■ amtliche Kriminals!atistik dorn Einflüsse von Berufs- ■ und Altersverschiedenheit bei Christen und Juden I Rechnung tragen könnte. A. IL I

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.