Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 2 (1906)
- Issue
- Heft 8-9 (August 1906)
- Article
- Begabungsunterschiede christlicher und jüdischer Kinder
- Date
- 1906-08-01
- Page
- Seite 130 (sequence 2)
- Language
- German
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— 130 — (Tische Schülerinnen einer jeden Schulklasse in den Ostern 11*01 erteilten Zeugnissen in den einzelnen Schulfächern die Zensuren I, IL JII, IV oder V erhalten haben. Die Sehlde, die aus 9 Klassen und einer sogenannten Selekta besteht, wurde zu dem genannten Termine von 11)8 jüdische]! und 0-78 christlichen Schülerinnen besucht. Zieht man hiervon die 17 jüdischen und C>6 christlichen Schülerinnen der untersten (D.J Klasse ab, weil in dieser Klasse nach Alter und Unterrichtsgegenständen von Begabungsunterschiedexdieiten noch nicht gut die Rede sein kann, so erstreckt sich das Material auf 176 jüdische und 492 christliche Schülerinnen. Schon wegen der verhältnismässigen Kleinheit dieser Zahlen ist es etwas gewagt, daraus allgemeine Schlüsse auf die Begabung zu ziehen. Dazu kommt aber noch, daß die Leistungen der Schülerinnen das Ergebnis nicht nur aus ihrer Begabung, sondern auch aus ihrem Fleiße (und ihrer Aufmerksamkeit) sind. In dieser Beziehung ist es besonders ungünstig, daß das Material eine Mädchenschule betrifft, in der die Ungleichheit des Fleißes zweifellos viel größer ist als in einer Knabenschule. Denn für die Knaben wird eine gewisse Gleichheit des Fleißes dadurch gewährleistet, daß die Erreichung des Klassen- und Schulzieles in der Meinung der Schüler selbst und ihrer Eltern von allergi'ößter Wichtigkeit ist. Dem Vorwärtskommen der Mädchen in der Schule wird dagegen nicht der gleiche Wert beigelegt, und es ist eine häutig und namentlich bei jüdischen Eltern zu beobachtende Erscheinung, daß sie den Schulleistungen ihrer Söhne ein sehr großes, denjenigen, ihrer Tr>chter ein sehr geringes Interesse entgegenbringen. Vielfach legen sie bei. ihren Töchtern den Schwerpunkt der Erziehung gerade auf die Ausbildung der außerhalb des Schulplanes liegenden Fähigkeiten (Gesang, Musik, Malerei) und die gesellschaftliche und sportliche Betätigung. So ist es zu erklären, daß, wie nachher gezeigt werden wird, die jüdischen Schülerinnen inbezug auf den Fleiß erheblich hinter ihren christlichen Mitschülerinnen zurückbleiben, ein Umstand, durch den das Resultat unserer Untersuchung getrübt wird. Eine letzte Fehlerquelle bildet die Tatsache, daß für die jüdischen Mädchen in Berlin der Besuch einer höheren Mädchenschule die Regel, für die christlichen Mädchen die Ausnahme ist. (Ziffernmäßig besuchten im Schuljahre IWH im Verhältnis zur Zahl aller Schulkinder gleicher Konfession die Juden die höheren Mädchenschulen 11,4.") mal so stark als die Christen.) Hieraus darf geschlossen werden, daß bei. den christlichen Mädchen eine häusliche Auslese in dem Sinne wirksam ist, daß die weniger begabten Mädchen häufig trotz Wohlstandes der Eltern nicht in die höheren, sondern in die niederen Mädchenschulen geschickt werden, während die jüdischen Mädchen ohne Rücksicht auf ihre Begabung wahllos den höheren Schulen zugeführt werden, sodaß die christlichen Mädchen eine teilweise schon gesiebte, che jüdischen eine noch unge- | siebte Masse darstellen. I | Wenn wir uns trotz dieser Bedenken zur [ Bearbeitung des Materials entschlossen haben. | so ist dies hauptsächlich deshalb geschehen,! um auf diesem bisher nicht betretenen Wege | mit einer Untersuchung einmal den Anfang i zu machen und vielleicht dazu anzuregen, daß I an anderen Orten die Beschaffung reichhal- | tigeren Materials und dessen Bearbeitung ver- I sucht wird. *)! In Tabelle I a ist die Zahl der jüdischen j und nichtjüdischeu Schülerinnen sowie das | Durchschnittsalter aller Schülerinneu in den einzelnen Klassen angegeben. Wegen der Kleinheit der Zahlen ist eine Bearbeitung für jede einzelne Klasse nicht durchgeführt; es j sind vielmehr o Stufen gebildet worden, von denen die Oberstufe die 3 Klassen Ia (Selecta), 1 b and II. die Mittelstufe die Klassen III—V,; die Unterstufe die Klassen VI—VIII umfaßt. (Ueber die Schülerzahl in den einzelnen Stufen vergl. Tabelle Ib). *> Anm. Das Bureau für Statistik der Juden wird den sich dafür Interessierenden den von ihm benutzten Fragebogen gern zur Einsicht überlassen.