Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 2 (1906)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1906)
- Article
- Beitrag zur Beleuchtung und der Wohlfahrtspflege der Juden in Rußland
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 12 (sequence 3)
- Language
- German
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— 12 — Tabelle III. In Lodz...... Dwinsk .... Minsk..... Wilna..... Kowno .... Cherson.... Elisabethgrad Zahl der Familien, die um Unterstützung zu Ostern nachgesucht 1894! 1895 11896 1S97; 1898 35U4 I 3801 j 3562 4627 5301 1326 1218 i 1185 1548 1996 1452 1430 1532,1562 1719 3785 : 3977 3658 4570 4830 750 860 950! 1115 I 1465 758 758! 7581 826 i 856 782 778 822 I 1168! 1300 47.5 50,6 18,4 27,6 95,4 13,9 66,2 In einigen dieser Städte steigerte sich also die Not in ganz außerordentlicher Weise. Wir finden ferner im Werke der I. C. A. noch Angaben über die Zahl der Famlilien, denen man Heizungsmaterial aus Mitteln der Wohltätigkeit zukommen ließ. Es gab solcher im ganzen 59468; das beträgt im Verhältnis zur Gesamtzahlt der Familien in den untersuchten Orten 8;4 %, also 21/4 mal weniger als für Pessach Unterstützte. „Dieser Unterschied erklärt sich leicht dadurch", sagt der Verfasser des Artikels über das jüdische Elend, „daß die Unterstützung der Armen mit Heizungsmaterial weniger feste Formen der Wohlthätigkeit angenommen hat, als die Unterstützung zu den Osterfeiertagen. Letztere stützt sich nicht nur auf das Gefühl des Mitleids, sondern auch auf religiöse Anschauungen, deshalb sind diese Erscheinungen typisch für jede jüdische Gemeinde". Ueber die Größe der jüdischen Not in Odessa bringt das Werk der I. C. A Angaben auf Grund der Broschüre von Brodowsky*) Nach den Berechnungen des letzteren waren in Odessa im Jahre 1900 8350 notleidende Familien, die insgesamt aus 48549 Seelen bestanden. Im Verhältnis zur Gesamtzahl der jüdischen Bevölkerung (138935) sind dies 34,2 %. Hiernach ist ein Drittel der Juden in Odessa gänzlich unbemittelt. Uebrigens bleibt Odessa keine Ausnahme. Dieselbe Armut herrscht in vielen andern großen Städten. (Tab. IV). Ein Viertel oder ein Drittel der jüdischen Bevölkerung nimmt also in diesen Orten die Öffentliche Wohltätigkeit in Anspruch. Tabelle IV. Zahl der im Jahre 1898 mit Heizungsmaterial unterstützten jüdischen Familien Wilna. . . . . . . Dwinsk...... Schitoinir. . . . , Nikolajew . . . . Poltawa...... Krementschug . Elisabethgrad. . Kowno....... Jekaterinoslaw, Cherson...... Berditschew. . . Minsk ... Kischinew . . . . absolut 4830 1996 1300 920 500 1000 1300 1465 1830 865 1857 1719 1494 in % zur Gesamtzahl der jüd. Familien 37,7 30,9 29,5 28,7 27,8 26,7 26,7 25,8 25,4 22,8 19,7 17,2 14.9 *) Brodowsky. Die jüdische Not in Odessa. 1902 Ueber die Gründe dieser ungeheuren Not lesen wir folgendes: „DieBeschränkungsmaßregeln der letzten Jahrzehnte schafften den günstigsten Boden für das Wachstum des Pauperismus unter den Juden. Mit dem Vertreiben der Juden aus den ländlichen Ortschaften gingen Hand in Hand unaufhörliche Ausweisungen aus dem 50 Wjerstgebiet, sowie aus Moskau und anderen Städten des inneren Rußlands. Bei der schwachen Entwicklung der Industrie im Ansiedlungsrayon, zum Teil auch im nordwestlichen Rayon, bei der Ueberfüllung des Handwerkerstandes nnd der andern Berufe mußte sich notgedrungen eine zahlreiche Klasse von Vermittlern, Kommissionären, Personen ohne bestimmte Beschäftigung bilden, die sich auf alle möglichen Unternehmungen werfen. Die Existenz dieser Klasse ist jedoch nur möglich bei einer Hebung des Handeis und Verkehrs. Jede beliebige Krisis und jede Stockung des Handels, jede Einschränkung der Industrie, jede Mißernte übt einen verderblichen Einfluß auf die Existenzmöglichkeit dieser Klasse und vergrößert die Zahl der Bettler". Von großem Einfluß auf die wachsende Not war auch die Einführung des Branntweinmonopols. Diese Maßregel hat Zehntausenden von Familien die Möglichkeit geraubt, Branntwein zu verkaufen, ohne ihnen eine andere Erwerbsmöglichkeit zu bieten.