Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- 6 Jahrgang = Jahr (1848) 5608 (1847)
- Date
- 1847-01-01
- Page
- Seite 58 (sequence 111)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2609281-3184086--1601-3185713- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
53 Briefe aus Galizien. Eine solche Behauptung hat jedoch nur einen Sinn auf rein religiösem Gebiete (wenn es anders möglich wäre, daß ein wahres inneres Leben ohne entsprechende Manifestation bestehe und sich verbreite); aber wie die Stagnation auf Gebieten entschuldigen, wo sie geradezu lebensgefährlich werden muß und rasches Aufrütteln Bedürfniß ist? Sollte wohl die so nöthige Umgestaltung der חדלים , *) wo die zarten Kinder schon physisch, moralisch und intellektuel verkommen und verkümmern, oder die Widmung der einigermaßen begabten und bemittelten männlichen Jugend den bürgerlichen Gewerben und der Industrie, oder die zweckmäßigere Verwendung der Wohlthätigkeitsspenden, die den frommen Müssiggang nähren und das Elend (durch Verheiratung gebrechlicher Menschen oder ausgemachter Taugenichtse) nur vermehren, sollte wohl die Beseitigung der Frauen- Diademe vulgo Stirnbindel, die das ganze Vermögen manches jungen Paares in Beschlag nehmen, und bei den Christen falsche Vorstellungen vom jüdischen Reichthum und Neid erwecken, rc. rc. ״der allgemeinen Entwickelung des Volkes" hinderlich sein und nicht vielmehr zu den Grundbedingungen derselben gehören? Warum bleibt auch da alles hübsch beim Alten, und wird über die erkannten Uebelstände nur geseufzt, ihnen aber nicht zu Leibe gegangen? Warum machen die aufgeklärten und gescheidten Männer, die sich mit Gemeindeangelegenheiten nicht befassen, nicht wenigstens im Bereiche ihres Hauses und ihrer Familie eine ehrenhafte Ausnahme, einen Anfang zum Bessern? Da stellt es sich denn unläugbar heraus, daß die Aufklärung bei uns noch der befruchtenden Kraft ermangelt und auf die Ausbildung der Lebensverhältnisse wenig eingewirkt hat, daß unfern Intelligenten mehr praktischer Sinn, Rührigkeit und Thätigkeit zu wünschen w ä r e. Der polnische Jude ist der ewige Student, unvergleichlich im schnellen Auffassen, Kombiniren und Kritisiren, aber desto v) In Brody gehet man iedoch mit der Errichtung einer hebraischeu Schule um.