Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Zweite Folge - dritter Jahrgang 5628 (1867-1868) (1868)
- Date
- 1868-01-01
- Page
- Seite 160 (sequence 195)
- Language
- German
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160 nichts von dem was ihr bevorstand. Die Mutter lebte im Gefühle ihrer Sicherheit, begnügte sich mit der Trunkenheit ihrer Siegesfreude und verschmähte es, die Tochter mit in das Geheimniß einzuweihen und Iossef war viel zu zartfühlend , als daß er auch nur mit dem leisesten Hauch die geheime Ursache seines neuen Schmerzes hätte verröthen sollen. So lebten Rosa und Blümele nach wie vor mit den Ausrüstungen zur Hochzeit beschäftigt, ohne Ahnung von dem Gewitter, welches sich drohend an dem Himmel ihrer Freundschaft über ihren Häuptern zusammenzog und den schönen innigen Bund ihrer Seelen gewaltsam erschüttern, ja zerstören sollte. Wer denkt auch an Blitz und Donner bei heiterem Sonnenschein? Und heiterer als die freundliche Sonne strahlte der Glanz in ihren Herzen. Hell ertönten die Geigen, es war eine Lust wie vor zehn Jahren. Der Morgen kam heran. Wieder stand der Deckstuhl in der Hochzeitsstube, aber diesmal saß Blümele auf demselben. Schon klirrte die verhnngnißvolle Scheere in den Händen der Mutter, fast selber seufzend, daß sie den schönen Schmuck auf Blümeles Haupte zerstören sollte. Doch wie? Ist es möglich? Ist es Wirklichkeit oder Sinnestäuschung? Kann,sich das eigene Blut so wider sich selbst empören? Kann die Frucht so weit vom Baume fallen? Kann ein Kind so aus der Art schlagen? Man höre nur, was sie in der „Gasse" sich erzählen: Kreßel ist beim Bedecken in Ohnmacht gefallen, weil sich Blümele das Haar nicht hat abschneiden lassen.