Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Zweite Folge - dritter Jahrgang 5628 (1867-1868) (1868)
- Date
- 1868-01-01
- Page
- Seite 90 (sequence 125)
- Language
- German
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90 es war ein ergreifendes Bild. Die alte Frau mochte sich in diesem Momente um alle die Jahre, die sie seit ihrem eigenen Brautstande bis auf den heutigen Tag verlebt, im Geiste zurückversetzt denken. Just so mochte sie einst von ihrer Schwiegermutter an die Brust gedrückt worden und mit zärtlichen Armen umschlossen worden sein, wie sie jetzt that. Alter und Jugend war da so fest in einander verschlungen, daß sich nicht sagen ließ, wo die eine aufhört und das andere anfängt. Das Alter schien an dem Hauche der Jugend zu erwärmen und sich selbst zu verjüngen. Die Begrüßungen, Umarmungen und Küsse von allen unterschiedlichen Verwandten, Vettern, Muhmen u. s. w. nahmen kein Ende, bis endlich die hell erklingenden Tanzmelodien aus der Hochzeitsstube die Jünglinge und Mädchen zum Vorspiel lockte. Ein Vetter des Bräutigams eröffnete mit der Braut, den Tanz, ein Vetter der Braut folgte mit Blümele, dem Schwesterchen des Bräutigams als zweites Paar und nun ging es los und Jungen und Mädchen drehten sich in der ausgeräumten Hochzeitsstube hurtig und flink im Kreise herum, daß die Röcke flogen, und die an den Wänden herumsitzenden Mütter und sonstigen älteren Zuschauer und Zuschauerinnen befürchten mußten von dieser drehenden Bewegung selber noch mit fortgerissen zu werden. Allein beim „Vorspiel" haben Verheiratete kein Recht auf den Tanz, das Vorspiel gehört ausschließlich den Ledigen. Immer lebendiger wurde es beim Tanze. Die Mutter des Bräutigams saß ebenfalls in der Tanzstube und ihr Auge hing mit Wohlgefallen an den Zügen des lieblichen Mädchens, daß nun ihre Tochter werden sollte.