Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Zweite Folge - zweiter Jahrgang 5627 (1866-1867) (1867)
- Date
- 1867-01-01
- Page
- – (sequence 294)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2609281-3183019--6647-3183669- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
190 geschlungen. Erst jetzt löste sich ihr Schmerz in heiße Thränen auf. „Ich trage an Allem die Schuld!" rief sie, „sonst wäre das Kind nicht verloren gegangen." „Soll ich etwa der Bessere sein?" rief dagegen Hirsch Elsaß. ,Der Großvater aber, wie er all dies sah und hörte, klappte den Talmud zu, stand auf, und sagte in tiefster Bewegung: „Kommt jetzt ihr Beiden! . . Ich hoffe zu Gott, ich kann Euch Euer Kind zurückgeben." Er schritt hochaufgerichteten Körpers zur Stube hinaus; hinter ihm wankten Hirsch Elsaß und dessen Weib. Wieste auf die Gasse hinaus traten, wich Alles ehrfurchtsvoll vordem ehrwürdigen Greise zurück. Und dabei waltete eine Stille in dem früher so bewegten Haufen, daß man die eigenen Athemzüge in seiner Brust belauschen konnte. Der alte Rabbi ging aber, die Blicke weder rechts noch links richtend, geradeaus durch die lebendige Gasse,' die sich zu beiden Seiten gebildet hatte. Seine Miene war streng und ehrfurchtgebietend. Nur, als er an seinen Kätzchen vorüber kam, wollte man ein leises Lächeln um seine Lippen spielend gesehen haben. Das verschwand aber eben so schnell, als er jetzt mit seiner Begleitung vor dem „Schemothäuschen" angelangt war. Hier blieb er stehen. „Hanne Elsaß!" rief er mit seltsam weichen Tone, „du bist die Mutter . . . schieb' doch dieses Brett da hinweg . . Was stehst du ... Ein Schrei, ein furchtbar gellender Schrei, dann ein krampfhaftes Lachen und Weinen . . Mitten auf den „Schemot," auf den vergilbten, zerrissenen und morschen Blättern alter Bücher lag Kleinmichele, und rieb sich, erschreckt durch den Lärm, schlaftrunken die Aeugelein! — Seitdem hörte man in der Gasse auf von Hirsch Elsaß und seiner Frau Hanne zu reden „als wie von Hund und Katze."