Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Zweite Folge, erster Jahrgang 5626 (1865-1866) (1866)
- Date
- 1866-01-01
- Page
- Seite 50 (sequence 120)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2609281-3183017--6131-3183152- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
50 nie erschöpft und dennoch, wie sonderbar, suchen die meisten Menschen immer die extensive, als wären sie mit jener schon fertig. Statt zu fragen, wie viel an dem Zweck, an dem sie sind, noch zu thun ist, eilen sie schon nach einem andern hin. Wenn dies, wie es mir scheint, den Geist nothwendig zerstreut, so muß er bei seinem Verweilen an Tiefe nnd Stärke gewinnen, und ich gestehe Ihnen gern, daß ich für diesen Gewinn allein Sinn habe, doch nun genug davon. Wie geht es Ihnen, mein theurer Freund? Was macht Ihre vortreffliche Familie, Ihre lieben Söhne? Sagen Sie mir bald ein Wort davon. Wenn ich mich je mehr mit politischen Dingen beschäftigt hätte, so wäre ein Langes und Breites über die Wunder zu schwatzen, die rund um einen Vorgehen. Hätte Jemand diese Dinge vor zwanzig Jahren geweissagt, so hätte man ihn verlacht. Nach dieser Analogie zu schließen, wer weiß, was noch zu erwarten steht. Dergleichen Erfahrungen, dünkt mich, sollten die Leute doch klug machen, und sie nicht so auf Begebenheiten vertrauen lassen. Wie viel Gutes hat man von Frankreichs Revolution geweissagt? Wie nah ist jetzt Alles wieder dem Untergang. Wie viel von der Aufklärung, die auf Friedrichs Zeitalter folgen würde? Hieraus ersparen Sie mir hoffentlich die Antwort. Die Nutzanwendung hiervon ist wohl die, daß man jede Begebenheit und jedes Zeitalter wie eine nützliche nnd erbauliche Geschichte ansieht, sich daraus nimmt, was gut und heilsam ist, das Uebrige als Hülse betrachtet, und nur jenem inneren Jdeengesetze vertraut. Verzeihen Sie dies lange Geschwätz, mein Bester. Empfehlen Sie mich den Ihrigen auf's Freundschaftlichste und schreiben Sie mir bald. Es ist ja ein Wort, das Sie in die Wüste sagen. Leben Sie wohl! Ewig Ihr Wilhelm Humboldt.