Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 6 (1918-1919)
- Issue
- 5 (4.1919)
- Date
- 1919-04-01
- Page
- – (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
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sinnwidrig mib geschmacklos wie „gestellte" Photographien. Jetzt ist wieder die Zeit gekommen, in der draußen schöne Aufnahmen gemacht werden können, lieber daS Photographieren auf Fahrt ist ja schon viel gesagt und geschrieben worden, und ich bin auch der Meinung, daß gute Gründe — neben der Faulheit — für Maß- Halten sprechen. Es widerstrebt uns freilich, wie Zcitungsreporter oder Raubtiere uns auf alles Schöne, das sich unseren Angen anftut, zu stürzen und es mühelos — es scheint uns oft zu mühelos — gleichsam abzupflncken. Nur wirkliches Sehen und das Bedürfnis des Nachschaffens berechtigen uns znm Festhalten des Geschauten int Bilde. Freilich, wer zeichnen kann, hat es noch besser. Er wird noch vieles ntchr und dieses richtiger sehen als der Mann mit der Kamera und seine Freude wird desto größer sein. Wer also zcichnett kann, der zeichne vor allem, wer nicht, der lerne wenigstens mit dem schwarzett Kasten in der Hand sehen, sich in einen Gegenstand wirklich h i n e i n sehen, ob es nun eine Landschaft, ein Baum, ein Winkel, eine Windmühle oder sonst etwas ist. Wie manches unscheinbare Ding entwickelt eine Fülle von Schönheit, locu tt wir es nur richtig sehen. Das können wir aber nur bei ruhigem, langsamen Betrachten, nie bei flüchtigem Beschauen. Weiter gehört Liebe zmn Gegenstand dazu: der Wille das Schöne herausznholen, wo immer es schlummert. An dieser suchenden Liebe aber mangelt es beu meistert Menschen leider — und nicht nur de» Gegenständen des Auges gegenüber. Ein drittes Erfordernis znm richtigen Sehen ist ein scharfes, korrektes, gewissenhaftes Betrachten: die einzelnen Linien, Formen und Farben irr ihren Maßen nnd Verhältnissen richtig, vor allem in ihrem Verhältnis zu einander richtig zu erfasset!. Dazu kotnnlt die Erwägung, inwieweit der Eindruck, den wir von dem Geschenert empfangen, abhängig ist von der Umgebung, in der wir es erblicken. Wir ntüssett utts das betreffende Ding einmal losgelöst denken, um es richtig zn sehen. Und dann spielt ja das Licht, überall, besonders in der Natur, eine fast entscheidende Nolle. Es gibt Dinge, die man, um sie in einem nun allerdings etwas anderett Sinne „richtig" zu sehen, bei Sonnenschein betrachten muß, andere die Dämmerung erfordern. Ich habe immer gefunden, daß es draußen tu der Natur nichts gibt, was nicht seine Schönheit hätte, zumindest aber, was nicht seine Stunde hätte, in der es schön wird. Jeder Wanderer weiß schließlich, daß die sonst noch so lattgweiligste Chaussee „ihre" Stunde, „ihr" Licht, „ihre" Jahreszeit hat, in der ihr irgendeine geheimnisvolle Schönheit innewohnt. Da immer das Rechte zu erfassen nttd in diesem nnd im anderett Sinne „richtig" zu sehen, gehört neben der gewissenhaften Handhabung des rein Technischen zum guten Photographen, wie wir ihn brauchen. Den brauchen wir aber im Blau-Weiß auch wirklich häufiger als es Ihn bisher gab. Darum heraus mit Kamera und natürlich mit Skizzenbuch! Und wenn ihr was Schönes habt, dann schickt eS uns, damit auch andere des Schötten, das ihr gesehen und festgehalten habt, teilhaftig werden können. * * F. O. Daß der int vorigen Heft angegebene Redaktionsschluß mit dem Erscheinen des Heftes ziemlich zusammenfiel, lag an den Berlittcr Streikverbältnissen.