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Blau-Weiss-Blätter · 1916-12-01 · 4 (12.1916) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Blau-Weiss-Blätter
Volume
4 (1916-1917)
Issue
4 (12.1916)
Date
1916-12-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Gängen durch das Prager Ghetto kam mir zuerst das glückhafte Bewußtsein der Zugehörigkeit zu unserm jüdischen Volk, von dessen trauriger und doch so stolzer Geschichte fich Hier ein gutes Stück abgespielt hat. Sie war noch immer eine Welt für fich, die uralte graue Judenstadt, merkwürdig verschieden von allem, was wir Rinder sonst sahen, voller Schlupfwinkel und vergessener Gaffen, voll' seltsamen Gerümpels und seltsainer Menschen ... Dunkle übelriechende Gaffen führten hinein, voll von Däusern, die einander zu stützen schienen, um nicht zu fallen, armseligen Ruinen, die man schon niederriß,. um Licht und Luft für ein neues Geschlecht zu schaffen und noch armseligeren, die voll Rindern wimmelten und verlumpten Gestalten; denn hier wohnten Armut und verbrechen, seitdem die Juden diese Gegend geräumt hatten. Ich lernte das Ghetto erst kennen, als der Magistrat bereits seinen völligen Umbau beschlossen hatte, weil jedes Hochwasser es überschwemmte. Die Zeiten, da es von Juden so dicht bewohnt war, daß in einem Zimmer mehrere Familien hausten, die ihre „Wohnungen" durch Rreidestriche voneinander abgrenzten, habe ich nicht niehr gekannt. Davon konnte mir freilich mein Vater noch vieles erzählen. Dort wo der Eingang zur Jndenstadt war, erhielt fich noch lange nach dem Falle der Mauern, die das Prager Ghetto von der übrigen Stadt trennten, der Brauch, am Sabbat eine violette Schnur auszuspannen, um die Stelle zu kennzeichnen, bis zu der ein Jude gehen durfte. Im Mittelalter und bis in die Neuzeit hillein schied fich das jüdische Viertel von der übrigen Stadt durch Mauern, durch die nur 6 Tore führten. Am Abend wurden diese Tore gesperrt; zu gewissen Zeiten, in der Passionswoche zum Beispiel müßten sie geschloffen bleiben. hinter diesen Mauern aber gab es kräftiges jüdisches Leben. Unübersehbar ist die Zahl der Gelehrten, die hier wirkten. Die vielen Grabsteine berühmter Männer auf dem alten Friedhof, von dem Euch einmal Fritz Fisch! berichtet hat, geben Runde davon. Ueber 20 große Bethäuser standen hier, fast alle find dem Feuer oder der Assanierung -es Viertels zum Vpfer gefallen. Unter den wenigen, die erhalten blieben, befindet fich die berühmte Altneuschul, die zu den ältesten Synagogen Europas gehört. Noch heute erfüllt mich, betrete ich ihr Inneres, derselbe ehrfürchtige Schauer, den ich empfand, als mich zum ersten Male das geheimnisvolle Halbdunkel des kleinen Betraumes umgab, hier.ist geweihter.Boden, geheiligt durch die Inbrunst vieler

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