Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 3 (1915-1916)
- Issue
- 4 (12.1915)
- Date
- 1915-12-01
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2425321-3181698-3181702--0449-3182269- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Wir sind bereits 800 Meter hoch. )m tiefsten Nebel. Raum, daß wir zehn Schritte um uns sehen können. Dabei rinnt uns das Wasser höchst gemütlich in die Stiefel. Es ist eben Herbst, und wenn man seine Schönheiten genießen will, muß man auch manche seiner Launen einstecken. Und wie gerne tun wir dies heute! An ein Rasten im freien ist nicht zu denken. Als wir die zu« sammengesteckten Aöpfe wieder auseinandernshmen, sind zwei böse Pläne geboren, wahrhaftige Gesetzesübertretungen. Erstens: wir überschreiten die Grenze nach Sachsen (zurzeit ohne Pässe nicht gestattet), zweitens: wir kehren ein (verdammenswert nach ,,Blau-Weiß"-Gefetzl). Aber jedes Gesetz kennt einen Notstand! .... Nun sitzen wir sechs Missetäter als einzige Gäste im ungeheizten Saale des eleganten „tugsteinhofes", (im Somnier der Treffpunkt der Touristen, im Winter der der Wintersportler, die aus nah und fern in diese mit Recht berühmte Gegend kommen) trinken behaglich den heißen Tee »nd essen — ja, wenn man einmal ans der schiefen Ebene angelangt ist, geht es schnell nach unten — »nd essen . . . Rüchen, (als Näscherei ebenfalls nach „Blau-Weiß"-Gesetz strafbar). Woher hätten wir aber auch plötzlich sächsische Brotkarten nehmen sollen?- Als wir den Heimweg antreten, beginnt es bereits zu dunkeln; mid nun gehen wir den Weg, den wir gekommen sind, zurück, — immer tiefer in den Abend hinein. Es ist der schönste Teil unserer Wanderung. Was wir beim steilen Aufwärtsgehen versäumt haben, das holen wir jetzt kräftig nach. Wir singen fort und fort, fröhlich klingt die ganze Reihe unserer Lieder in den abendlichen Wald und zu dem dunklen Himmel empor. Tiefschwarz wird alles um uns. Wieder gehen wir schweigend dahin, empfinden noch einmal die Herrlichkeit der ganzen Fahrt; und da es uns in der stillen Finsternis scheint, als wären nur wir sechs jungen Menschen hier allein auf der ganzen weiten Welt, gehen wir enger zusammen, fühlend, wie tief wir zueinander gehören und wie nahe uns gerade der heutige Tag aneinander geführt hat ... . Teplitz'Schönau Felix Seidemann