Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 6. Jahrgang 5682 = 1921/22 (1921-1921)
- Issue
- 6. Jahrgang 5682 = 1921/22 (1921)
- Date
- 1921-01-01
- Page
- Seite 169 (sequence 183)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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169 Grossvater, ich will zum lieben Gott beten, dass er uns wieder in unsere Heimat führt. . . . Nun sieh, mein Kind, heute bist du selbst ein Titus und raubst die hilflosen Tierchen aus ihrem Nest, — weils dir Spass macht. Wie sollte Gott jemals dein Gebet erhören? Soll er dich damit segnen, womit du anderen Wesen fluchst? Das kann er nicht, unser Gott ist nicht so ungerecht. Und wenn wir alle um unsere Heimkehr flehen, und wenn unser Volk einst das Ziel seiner Sehnsucht erreicht hat, dann musst du schweigsam im Winkel stehen und dir denken: Ich kann nichts dafür; denn mein Gebet hat der Himmel gewiss nicht erhört!“ Er sprach das so feierlich gedämpft, dass mir graute. Ich empfand ein seltsames Weh, und mir wurde so — ach ich weiss nicht wie. Fast hätte ich jetzt wirklich geweint. Ich sah betrübt zu Boden und stammelte: „Grossvater — ich will die Vögel wieder zurücktragen.“ Und da küsste er mich auf die Stirn: „Tu das, mein Kind.“ Als ob mich ein Gespenst verfolgte, so rannte ich durch die Landstrasse. Wie lang war doch der Weg! Obwohl ein kühlendes Lüftchen wehte, fühlte ich, wie mir die Tropfen den Rücken hinunterrollten; aber ich wTagte nicht zu verschnaufen und lief und lief, was ich laufen konnte, bis ich den Saum des Waldes erreichte. Da war’s still. Ich hörte nichts als das Flüstern des Abendswindes, der träumend durch die Zweige schlich. Und ich ging tiefer in den Wald hinein-horch! Eines Vögleins Stimme, und wie ein Klagelied klang’s. Immer deutlicher vernahm ich die Töne; und als ich am Baume stand, der das verwaiste Nestchen barg, da wusste ich’s, woher sie kamen. Zwei trauernde Eltern weinten um die verlorenen Kinder. Ein inniges Mitleid