Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 5. Jahrgang 5681 = 1920/21 (1920-1920)
- Issue
- 5. Jahrgang 5681 = 1920/21 (1920)
- Date
- 1920-01-01
- Page
- Seite 96 (sequence 97)
- Language
- German
- Belongs to
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96 Und merkwürdig! Keine Entladung stürmischer Volkswut war’s, die wie ein Element die Dämme von Ordnung und Recht durchbricht und in flutenden Springwellen zügellos daherstürmt, alles über den Haufen rennend, was hindernd ihr in den Weg tritt. In diesem Wahnsinn lag kalte, raffinierte, grausame Berechnung. Einst, vor Jahrtausenden, gab es ein Karthago. Und die Stadt, die im Schimmer ihres weissen Marmors die Meereswoge friedlich zum Schlummer wiegte, erwachte des Jahres einmal in blutiger Morgenröte zum Feste des Baal. Da wurde der Gott mit dem gehörnten Stierkopf und dem klaffend aufgesperrten Rachen aus seinem Tempelgehege an den Strand des Meeres gebracht, und kein Uneingeweihter durfte dem hungrigen Baal lebend ins glotzende Auge sehen. Aber sein gewaltiger erzener Bauch sollte gesättigt werden, gesättigt von den raffiniertesten Leckerbissen, die seine lieben Karthaginer ihm aufgespart. Die zarten kleinen Kinder hatten die Priester mit bronzenen Herzen den weinenden Müttern genommen. Festlich, in Gold und Purpur gekleidet, umstanden die molligen Opfer die gewaltige Statue des Gottes. Die Schergen hatten einen weiten Ring um das Standbild geschlossen, und zwischen den Beinen des Gottes prasselten die Holzscheite. Der gewaltige bronzene Stierbauch begann sich rosa zu färben, wie die Wangen der Opfer. Dann wurde er röter und röter, bis er in heller Feuerglut erstrahlte, dass der Wiederschein einen blutigen Rausch auf die Wogen warf. Aus den Augen des Gottes begann es plötzlich zu tropfen. Das im Inneren des Hauptes verborgene Zinn war geschmolzen und überfloss. Der hungrige Baal weinte glühende Tränen. Sein Weinen musste gestillt werden. Das war die Losung für den Beginn der Opferhandlung.