Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 5. Jahrgang 5681 = 1920/21 (1920-1920)
- Issue
- 5. Jahrgang 5681 = 1920/21 (1920)
- Date
- 1920-01-01
- Page
- Seite 64 (sequence 65)
- Language
- German
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64 an und verlangt gegen den weissen Terror die Mobili-1 sierung der öffentlichen Meinung der Welt. 1 Deutschösterreich muss in diesem Rahmen be-| sonders erwähnt werden. Anita Müller, die unermüd-1 liehe und unerschöpfliche Pionierin der Kinder- und § Mütterfürsorge, gibt uns ein Bild von der ganz besonderen 1 Entwickelung des Judenelendes in ihrem Lande und 1 besonders in Wien. 150,000 Flüchtlinge aus den ehej maligen Kronländern, besonders aus Ostgalizien, sind während des Krieges von geschützten Mitbürgern durch den Zerfall des Reiches zu lästigen Ausländern geworden; ihnen, die nirgends Aufnahme finden, droht die Regierung mit Ausweisung und exmittiert sie aus ihren erbärmlichen Wohnungen. Von den 283,000 j Juden in Wien sind zur Zeit 28,000 Flüchtlinge, 36,650 bedürftig, 21,000 ohne Erwerb, 30,000 Kinder unterernährt. So bietet Wien, ohne der Schauplatz von Schlachten oder von Progromen gewesen zu sein, das Bild tiefsten jüdischen Elendes. Doch genug der traurigen Statistik, die auf die Konferenzteilnehmer und das lautlos horchende Publikum ihres tiefen Eindruckes nicht verfehlte. Ihr folgten die lichteren Bilder aus den Ländern, wo die Kriegsnot nicht Pogrome, sondern das brüderliche Mitgefühl auslöste, und wo man den Bedrängten die Hand reichte zur Rettung. Aber ach, wie schwach waren diese Hände, wie wenig organisiert diese Hilfe! Alle Länder des Westens, vorab Amerika, haben Hilfe geleistet, da und dort vor dem Hungertod gerettet, Nackte gekleidet, Flüchtlinge geborgen, Kinder für Wochen der Not entrissen — um sie ihr wieder zurückzugeben! Das alles hat Geld verschlungen und ist wie ein Hauch im Winde verweht. 40 Millionen Dollars, die das Joint-