Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 4. Jahrgang 5680 = 1919/20 (1919-1919)
- Issue
- 4. Jahrgang 5680 = 1919/20 (1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 227 (sequence 237)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3135693-3135698--1067-3136792- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
227 Die Mutter sah den Tod durchs Zimmer gehn. Die Mutter sah, wie jäh die zwei erblassten, Wie Fieberschauer ihre Körper fassten, Und wie die jungen wilderschreckten Augen Im heissen Kampfe mit dem Tode brachen. Und zitternd, stöhnend, jammernd, schreiend Nahm sie der Söhne Hände in die ihren, Den Kindern von dem eignen warmen Leben Die letzte Glut, das letzte Blut zu geben — Die Hände, die sie fasste, waren kalt. Da presste sie die Zähne aufeinander Und faltete die Hände zum Gebet. Nicht eine Träne feuchtete ihr Auge, Indes sie all das namenlose Leid, Die unsagbaren Schmerzen alle fühlte, Indes das Weh ihr Mutterherz durchwühlte, Stand sie, gleich einem Bildnis, unbeweglich Und sah mit heissen, tränenlosen Augen Auf ihre jungen, bleichen, toten Söhne. So stand sie Augenblicke stumm und starr. Da plötzlich durch das Dunkel ihrer Schmerzen Zuckt der Gedanke an den Mann, an Meir, Der jetzt und jetzt die Türe öffnen musste. Sie fasst die toten Söhne, bettet sie Aufs weisse Lager, breitet über sie Ein weites Linnen, das die Körper deckt — Da tritt der Rabbi durch die niedre Türe. Sein Antlitz strahlt: „Wo sind denn unsre Söhne?“ „Sie waren doch bei dir im Schulhaus, Vater?“ Sie sagt es leise und die Stimme zittert. „Ich hab* sie in der Schule nicht gesehn!“ „Dann werden sie wohl in der Gasse stehn.“ Und zitternd trägt sie Licht und Wein zum Rabbi, Der still vollzieht die Weihe der Habdala.