Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 4. Jahrgang 5680 = 1919/20 (1919-1919)
- Issue
- 4. Jahrgang 5680 = 1919/20 (1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- – (sequence 193)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Hilfsaktion der Schweizer Judenheit für die jüdischen Kinder in Wien. Als am zweiten Juni 1919 der erste Transport von jüdischen Kindern aus Wien in Buchs ankam, da konnten sich viele der Helfer und Helferinnen, die zur Übernahme des Zuges an die Grenze gereist waren, der Tränen nicht erwehren. So viel Elend, noch dazu als lebendige Anklage aus den Augen unschuldiger Kinder sprechend, hatten sie noch nicht gesehen. Die Lichtbildervorträge, die Frau Anitta Müller in Zürich, Bern, Basel und St. Gallen hielt, entrollten der Schweizer Judenschaft noch schrecklichere Bilder von den Leiden der Juden Wiens. Aber es waren nur Bilder und die Kinder, die in die Schweiz kamen, nur schwachelllustrationen derWirk- 1 i c h k e i t. Wer wissen will, was ist, der muss nach Wien gehen. Er muss nicht einmal die Schlupfwinkel des Ghettos aufsuchen, Not und Verzweiflung grinsen ihm auf der Strasse entgegen. Wir sind es schon zu sehen gewohnt, und doch krampfte sich uns oft das Herz in brennendem Weh zusammen, wenn wir sehen mussten und nicht helfen konnten. Denn wie konnten wir in Wien helfen! Mit Ausnahme der geringen Schicht der Reichen hungerte das ganze Volk, hungerte buchstäblich. Und klopften die darbenden und frierenden Kinder im Winter an die Türen des Mittelstandes (in die Villen und Paläste gelangten sie nicht), so musste man sie schaudernden Herzens abweisen, weil Brot und Kleider für die eigene Familie nicht ausreichte... Wir sind uns darüber klar: Es ist alles Stückwerk, was wir unternahmen. Aber sollen wir es darum sein lassen?