Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 4. Jahrgang 5680 = 1919/20 (1919-1919)
- Issue
- 4. Jahrgang 5680 = 1919/20 (1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 73 (sequence 75)
- Language
- German
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73 flammen? Fast scheint es so, denn der Hass der Parteien ist so mächtig, die Kluft zwischen ihnen so gross, die Kampfesleidenschaft so fanatisch und die Gier so rünstig, dass alle Wege der Versöhnung verrammelt scheinen. Wollten wir aus der Gegenwart ein Zukunftsbild erschliessen, würde dieses trübe und trostlos ausfallen. Wir gingen hiernach einer Zeit des Niederganges und des Zerfalles entgegen. Denn Völker, die Menschenalter miteinander verbunden waren, sehen wir voneinander sich trennen, und Staaten, die in einem einzigen Staatswesen verschmolzen waren, sehen wir in Auflösung. Die Menschengeschlechter fliehen einander und die Verbrüderung aller, die die Zukunft zeitigen sollte, scheint als ein schöner Traum müssiger Philosophen sich zu erweisen. Gewiss, wenn man die Ereignisse, die augenblicklich sich vollziehen, aus ihrem Zusammenhänge reisst, sie so behandelt, als wären sie plötzlich in die Welt gestürzt, dann kann ein Zukunftsbild, das aus ihnen entworfen wird, als ein treuer Abklatsch, gewonnen durch einen Analogie- Schluss, nicht lichtvoller ausfallen, als sein trübes Original. Man darf aber nicht vergessen, dass in jeder gründlichen Betrachtung jeder Zustand auf seine Ursache, diese auf die ihrige bis in eine ferne Vergangenheit zurückweist. Man muss auch daran denken, dass jeder Zustand, der durch Menschen geschaffen wird, in engem Zusammenhange mit der von ihnen unabhängigen Natur steht, mit dieser parallel läuft. Der Welt im Kleinen entspricht die Welt im Grossen, dem Mikrokosmos der Makrokosmos. Eine Betrachtungsweise unter diesem Gesichtswinkel und nach dieser Methode erhebt einem auf eine Warte, von welcher aus man die Zeitereignisse weit überschaut, weit über die Gegenwart vor- und rückwärts, und solch eine Betrachtungsweise hebt allen Pessimismus auf. Sie zeigt uns die Welt hell und klar im Lichte Gottes, der sie geschaffen.