Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Journal
- Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz
- Volume
- 3. Jahrgang 5679 = 1918/19 (1918-1918)
- Issue
- 3. Jahrgang 5679 = 1918/19 (1918)
- Date
- 1918-01-01
- Page
- Seite 237 (sequence 238)
- Language
- German
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237 2Die Wallfahrt zum Rabbi. „Andere Zeiten, andere Menschen“ war der gewöhnliche Ausspruch des greisen Raw Schmul als Einleitung zu seinen Geschichten. »Die glühende Begeisterung, der Glaube und die Anhänglichkeit an den Rabbi nehmen jetzt allmählich ab. Ja, vor Jahren, als wir noch jung“ waren, da sah es anders als im heutigen Zeitalter aus“, seufzte der Alte. „Ja, ganz, ganz anders als heute. . Zu wiederholten Malen erzählte Raw Schmul seine fesselnden chassidischen Geschichten. Und nicht mit Unwillen erzählte er, sondern mit freudenvoller Frische, als ob die Ereignisse von vor fünfzig oder sechzig Jahren gestern geschehen wären. An den langen Winternächten, in der Pause zwischen Mincba und Maariwgebet, während Jünglinge und junge Männer ihr Lernen fortsetzten, im grossen Beth- Hamidrasch das Singen der Talmud, Joreh-Dea und Moralbücher Lernenden sich hören liess, da erzählte Raw Schmul. . . Mit tiefer Ehrfurcht scharten sich viele jüngere und auch ältere Chassidim um den alten Raw Schmul. War er doch der älteste im Chassidimkreise, ein Mann, der den „Rischiner“ kannte! „Ach! Das heutige chassidische Geschlecht ist wirklich nicht zum Erkennen!“ rief er schmerzerfüllt aus. „Vor Jäbren, zu Lebzeiten des alten Rabbi, da war es -ein Leben, denn dies würde ja jedermann heute gestehen müssen: wer den alten Zadik, — seine Taten mögen uns beistehen, — zu sehen nicht das (ilück hatte, der hat ja überhaupt noch keinen gesehen!“ Ein Freuden* strahl erleuchtet seine grossen, blauen Augen. Eine Träne glänzt und fällt auf seinen langen, silberweissen