Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 9 (September 1924)
- Date
- 1924-09-01
- Page
- Seite 334 (sequence 37)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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IN DAS INNERE SEHEN nicht mehr gesehen. Dem Rabbi Johanan wurde gesagt: Soviel nur durftest du schauen. Die Weisen forschten nach dem Vater des wundersamen Knaben, der, einen solchen Sohn zu haben, für würdig befunden worden war. Sie erfuhren, daß dieser keines Menschen Angesicht geschaut, daß er seinen Körper vom Nabel abwärts nie beachtet, und daß er irdischer Dinge wegen nie das Lesen in der Schrift unter- MAX LIEBERMANN brochen hatte. Niemals hatte er unnütze Rede im Munde geführt, und er lebte allein der Lehre und ihren Geboten. Keines Gerechten Not ließ ihn ungerührt. Er zeugte diesen einen Sohn und starb bald darauf/ auch des Kindes Mutter verschied nach seiner Geburt. Der verwaiste Knabe wuchs in Not auf, ward reich an Wissen und starb den Märtyrertod für seinen Gott. Hernach aber ward ihm das Herrliche zuteil. MEIN HAUS AM WANNSEE I N DAS INNERE SEHEN VON CHAJIM BLOCH Ein angesehener und gelehrter Chassid aus Delatyn kam einmal zu Rabbi Mendel von Kossöw, dem heiligen »Friedliebenden«, und führte ausdrucksvoll Klage, daß der Schächter in seiner Stadt nicht genug fromm sei. Rabbi Mendel hörte den Chassid an, antwortete ihm aber kein Wort. Der Chassid wiederholte seine Klage und führte aus, daß es richtig wäre, den Schächter von seinem Posten abzusetzen. Rabbi Mendel erwiderte: »Ich kenne den Schächter wohl und sehe kein Böses an ihm.« Darauf der Chassid: »Rabbi, er stellt sich Ihnen äußerlich wohl fromm, ich bitte Euch aber in sein Inneres zu seßen, so werdet Ihr Euch überzeugen, daß meine Klage wahr sei.« »So,« antwortete der Rabbi, »Du verlangst, ich soll in sein Inneres schauen und da frage ich Dich, wärest Du zufrieden, wenn ich in Dein Inneres schauen wollte? Wie würden wir Menschen aussehen und miteinander leben können, wenn Einer das Innere seines Gefährten sehen würde? Wie, wenn ich Dein Inneres besehen wollte?« Und Rabbi Mendel warf einen scharfen Blick auf sein Angesicht, als wollte er ihn gründlicher als je zuvor ansehen. Der Chassid erschrack und rief: »Das Recht ist bei Euch, heiliger Rabbi, und ich bitte Euch um Verzeihung.« »Ich will Dir verzeihen,« antwortete der Rabbi, »doch mußt Du das Versprechen abgeben, nie wieder ein böses Wort über einen Juden zu reden.« L AZAR KREST IN DER SOHN DES ZADDIK 334