Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 14 (1922)
- Issue
- Heft 4 (7.4.1922)
- Date
- 1922-04-07
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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s — 1 Breslau, Karlsruhe u. a. O. wußte er außerordentlich fesselnd durch seine Vorträge zu wirken und im Handwerkerverein in Berlin hat er oft seine Erzählungen vorgelesen. Wo immer er auf seinen Reisen erschien, scharten sich die Besten der Zeit um ihn und kein Fremder von Bedeutung, Künstler, Gelehrte, Schriftsteller, Staatsmänner, Diplomaten, Politiker betrat. Berlin, ohne ihn aufzusnch en. Doch auchan Schatten fehlte es nicht. Man zieh ihn vielfach der Eitelkeit und vielleicht, ja gewiß sogar, nicht ganz mit Unrecht. Aber diese Eitelkeit war nur die fast naive Freude eines wahrhaft kindlichen, reinen Gemütes an seinen Erfolgen, der er laut und froh Ausdruck gab. Der Verlust teurer Familienglieder und Genossen erregte ihn schmerzlich, die schlechte Dramatisierung einiger seiner Werke bereitete ihm Aerger, selbst mit der seiner Dorfgeschichte „Die Frau Professorin" durch Charlotte Birch-Pfeiffer vermochte ihn erst die meisterhafte Darstellung des „Lorle" der Friedrike Goßmann und Hedwig Raabe auszusöhnen. Neidlos hat er jederzeit der Erfolge anderer sich gefreut und gern die Verdienste anderer anerkannt. Die große Zeit 1870/71 ergriff sein patriotisches Gemüt mächtig. „Jetzt gewinnen wir die deutsche Einheit, und wir dürfen uns glücklich preisen daß wir das noch erleben", schreibt er, und später: „An deutscher Kaiser! Also auch das erleben wir noch V* Damals erschien das „Elsaßbuch" unter dem Titel „Wieder unser!" Zu allen Zeiten hat sich Berthold Auerbach von ganzem Herzen und mit ganzer Seele als begeisterter und bewußter Jude gefühlt und betätigt; seine Briefe an den Freund legen beredtes Zeugnis davon ab, daß seine Jugenderinnerungen ihn durch sein ganzes Leben begleitet haben. In der Mitte der fünfziger Jahrtz schreibt er als Gast des Herzogs von Koburg: „Ich denke allerlei, und immer wieder kam mir in den Sinn, wie ich als gedrückter armer Bursch im Lehrhaus in Hechingen war". Und mit freudigem Hochgefühl kann er gleichzeitig bekennen: „Wenn ich mein Leben überschaue bin ich reich begütert, von den Besten eine schöne Zahl mein zu nennen!" In der Synagoge seines Heimatdorfes ergreift ihn, wie er dem Freunde berichtet, das Herbstgebet um Regen bis zu Tränen, oft betont er: „es ist mir Bedürfnis, meine Zugehörigkeit zur Gesamtheit zu bekunden". Zwei Pläne, mit denen er sich lange trug, sind leider unausgeführt geblieben, ein großer jüdischer Roman und eine Selbstbiographie, letztere ist xdoch einigermaßen durch die wundervolle Briefsammlung ersetzt worden. 1868 hielten ihn Studien zu seinem Roman „Das Landhaus am Rhein" längere Zeit in Bonn; dort hat er viel mit Jakob Bernays verkehrt und mit diesem Seder gefeiert. „Vieles über Juden und Judentum zieht mir durch die Seele", schreibt er in jener Zeit. Noch versiegte der so reich sprudelnde Quell feiner dichterischen Begabung nicht, noch erlahmte seine Arbeitslust nicht, jedoch die Schatten, die auf sein Dasein fielen, mehrten sich. In rascher Aufeinanderfolge waren in den siebziger Jahren noch zahlreiche wertvolle Werke erschienen, die Romane „Waldfried", „Der Forstmeister", „Landolin von Reutershöfen", die Erzählung „Brigitta", denen sich die „Beninga" und Sammlungen „Unterwegs", „Zur guten Stunde", „Tausend Gedanken des Kollaborators" und „Nach dreißig Jahren" anreihten. Wer die Schatten wuchsen, der Kreis seiner Freunde lichtete sich immer mehr, oft begegnen wir in seinen Briefen an den Freund erschütternden Totenklagen; seine Gesundheit begann zu schwanken und ob auch sein letztes Lebensjahrzehnt ihm noch manche Freude und Ehrung brachte — er wurde zum Ehrenmitglied des Komitees der Internationalen literarischen Gesellschaft in Paris ernannt und es war ihm vergönnt, bei der Anführung des neuen Schulbuches tättg mitzuwirten, fein Lebenshorizont verdüsterte sich mehr und mehr durch äußere Einflüsse. Ms seine höchste Aufgabe hatte er stets betrachtet, das deutsche Judentum zu Ehren zu bringen. Stärkere Talente als er find aus den Reihen seiner Glaubensgemeinschaft hervorgegangen, fett Moses Mendelssohn und Gabriel Rießer hat jedoch keiner tapferer, tüchtiger, ausdauernder für die Gewährung der vollen staatsbürgerlichen Gleichstellung seiner Glaubensgenossen gekämpft und gewirkt, wie Berthold Auerbach. Es war nur zu natürlich, daß die Anfeindungen, die sich gegen diese richteten, ihn in die heftigste Erregung versetzten. Schon die Broschüre Richard Wagners: „Das Judentum in der Musik" — er hatte ftüher mit diesem ans freundschaftlichem Fuße gestanden — hatte ihn tief gekränkt und verletzt. Er verwendete sich bei dem Fürsten von Rumänien, wie bei der Großfürstin Helene von Rußland zu gnnsten seiner schwer bedrückten Stammesgenossen in beiden Ländern, was ihm den Vorwurf eintrug, er müsse sich in alles mischen. Und allmählich steigerte sich seine leidenschaftliche Bitterkeit gegen alle diejenigen, die sich wo immer es auch sei, in Wort, Schrift oder Tat in gehässiger Weise gegen seine Glaubensgenossen richten. Ob auch die glückliche Entwicklung seiner Ander, die Gesamtausgabe seiner Werke in deutscher und französischer Sprache Sonnenschein in sein Leben bringt, seine Trauer um die Freunde, die ihm der Tod geraubt, ist milder als jene um die, die er durch das Leben verliert. Im Ottober 1875 schreibt er von Ischl: „Es ist eine ganz neue und tief bösartige Widersacherei gegen die Juden aufgekommen." Und er wird irre an Billroth, Treitschke, Julian Schmidt und Dingelstedt und wendet sich stolz von ihnen, da auch sie sich in gehässigen Bemerkungen, zwar nicht gegen ihn persönlich so doch gegen seine Stammesgenossen, als deren Glied er sich zu allen Zeiten fühlt, nicht zurückhalten. Sein tiefes Gemüt leidet, seine Arbeitslust wird dadurch., beeinträchtigt, dennoch fehlt es nicht an erhebenden Momenten, die auch seine Arbeitsfreudigkeit wieder aufflackern lassen. In Tarasp ist ein wunderbarschönes Erdenfleckchen mit einer Bank geschmückt worden, diesen Mmen „Auerbachs Höhe" trägt. .. 417 77 _ ,; 7 ' * v-. In Cänstadtt ist vor dem Kurhause" eine Linde zu seiner Ehrung gepflanzt worden. Man muß wirken, so lange es Tag ist, die Nacht kommt nur zu schnell", schreibt er in jener Zeit. Noch ist es ihm vergönnt, von Scheveningen aus im Haag und in Amsterdam in den Spuren Spinozas zu wandeln und der Enthüllung des Spinoza-Denkmals, das seiner aufopferungsvollen Hingebung seine Entstehung dankt, ungeachtet seiner geschwächten Gesundheit beizuwohnen. Nach den fluchwürdigen Attentaten aus den greisen Kaiser 1878, war die Anregung zur „Wilhelmspende" von ihm ausgegmrgen.'7Jm folgenden Frühlnch verursachen ihm Judenhetzen in Rußland tiefes Leid, doch erwachsen ihm auch wieder neue Freuden. Wo immer er weilt, ist er unentwegt der Mittelpunkt eines großen glänzenden Kreises, in Berlin noch immer eine der beliebtesten Persönlichketten der Gesellschaft wie seiner Glaubensgemeinschaft. Der Herbst 1879 fesselte ihn bis in das neue Jahr hinein für eine Reihe von Monaten in Karlsruhe und in der unmittelbaren Nähe des Großherzogpaares wurde es ihm wohl wie nur selten in seinem L.eben. Von dott schreibt er, nachdem er am 19. November auf Wunsch der Großherzogin zum Besten des badischen Frauenvereins einen Bortrag über Lenau im Rathause gehalten hatte, am folgenden Tage: „Der Leuau-Vortrag hat gestern stattgefunden. Bor 52 Jahren ging ich wegen mangelnden Nachweises meiner