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Liberales Judentum · 1920-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1920) · p. [Seite]

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Journal
Liberales Judentum
Volume
12 (1920)
Issue
Heft 5-6 (Mai 1920)
Date
1920-05-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Hlonatsfdirift V kür die religiöfen Interelten des Judentums herausgegeben von der Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland unter der Redaktion von Dr. Caefar Seligmann, Rabbiner in krankkurt a. IN. Ha. 5 und 6. Jahrgang 12. lHai u. Juni 1920. Das tägliche Gebet. '' Von Dr. Wilhelm Fsilch enfeld-Berlin-Charlottenburg. er Kampf um die Gebetordnung, der seit fast hundert fahren in den jüdischen Gemeinden Deutschlands immer wieder erneut aufflammte, wurde überall mit erbitterter Heftigkeit geführt. Er war stets ein Kampf - um den Ritus in der Synagoge, da von Alters her die Hauptgebete nur in der Gemeinschaft gesprochen wurden. In den engen Verhältnissen des Gettho fanden sich täglich die Andächtigen zwei- bis dreimal! in den Bet- und!! Schulhäusern zu gemeinsamem Gebete ein; oft genug haben angesehene oder wohl-; habende Juden ihr eigenes Rkinian sich eingerichtet; wer aber doch gezwungen war, ohne ein Rlinjan sein regelmäßiges Gebet zu verrichten, hielt sich an die volle Gebetordnung, wie sie im Gotteshause galt, mit nur winzigen Abweichungen. Diese Uebung, dieses verwachsensein Mit den überkommenen Gebeten erklärt die Zähigkeit, mit der weite Kreise auch freidenkender Juden, an altem Ritus festhielten. Ls handelt sich dabei nicht um ein verstandesgemäßes Vorgehen, sondern um ein Gefühlsmoment, das mächtig . einwirkt. Charakteristisch ist, daß selbst Juden,^ die aus verstand ^gründen weitgehender Reform sich zugewandt, wenn sie gelegentlich nach Jahrzehnte dauernder Ent- ' fremdung einem Gottesdienst nach altem Ritus; ' wie sie ihn. in früher Jugendzeit gewohnt waren, beiwohnten, sich dem Zauber dieser Andacht und seiner Melodien nicht entziehen konnten. Doch so sehr auch gerade im Gotteshause das Gefühlsmäßige zur Geltung \ fornmen soll, so kann man sich auf die Dauer i doch - einer Entwickelung, zu der das rein verstandesgemäße Empfinden hindrängt, nicht entgsgenstellen. Wenn mehr Kenntnis der historischen Entwickelung des Gebetbuches besonders in den konservativen Kreisen verbreitet wäre^ so wäre der Heftige Widerstand gegen so manches Gebet ebenso wie gegen die Verdeutschung undenkbar gewesen. Das trifft aber vor allem für das Häusliche Gebet zu, zumal für den weiblichen Teil der £ Gemeinde. Seit jeher hatten Frauen Gebetbücher in der Hand, die in der Landessprache- oder in „Jüdisch-Deutsch" geschrieben waren. Diese Gebete waren frei verfaßt, ohne Anlehnung an die synagogalen Gebete; daneben .allerdings wurden die Hauptgebete wohl auch von den Frauen gesprochen. Es würde dem Bedürfnisse der Zeit entsprechen, wenn in diesem Sinne Gebetbücher für das Haus zum täglichen Gebrauch geschaffen würden. Die vorhandenen, deutschen Franengebetbücher — ich selbst kenne nur zwei — sind nicht gerade sehr glücklich zusammengestellt. Die Aufgabe wäre, sich loszusagen von dem Hauptfehler unserer gesamten — auch der modernisierten — Gebetsordnung, die tagaus 'tagein die. gleichen Gebete vor.- schreibt; das ermüdet, und bringt um die Weihe und Stimmung; daS führt insbesondere beim Gebet des Einzelnen mehr noch als bei gemeinsamer Andacht zu einem handwerksmäßigen Herunterleiern, das sich kaum noch wesentlich von den Gebetmühlen der 'Tibetaner unterscheidet. Nun ist es aber eine (schwer zu lösende Aufgabe, für alle Tage des Jahres geeignete Gebete niederzuschreiben. Man kann der Stimmung der Feste gerecht

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