Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 6 (1914)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1914)
- Date
- 1914-01-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Oberelles Judentum Ulonafsfchrift für die religiösen Interessen des Judentums herausgegeben van der Vereinigung für das liberale Judentum in Deutfchland unter der Redaktion van Dr. Caefar Seligmann, Rabbiner in Frankfurt a. 171. No. i. Jahrgang 6. Januar 1914. Das liberale Judentum vom Standpunkt des Laien. Von mathilde Wertheim-flachen. ie liberale Bewegung, die vor kurzem innerhalb der deutschen Judenheit in bemerkenswerter weise hervorgetreten ist, ist keine neue, keine plötzliche Erscheinung. Sie läßt sich bis in die Mitte des (8. Jahrhunderts zurückverfolgen, als Moses Mendelssohn den versuch machte, den Juden den Gebrauch der reinen deutschen Sprache beizubringen, was ihm von seinen orthodoxen Zeitgenossen als Sünde angerechnet wurde und den Bannstrahl zuzog. Die liberale Bewegung wurde fortgesetzt im Anfang des vorigen Jahrhunderts durch Friedländer und Jacobson (Berlin), die eine Reform des Gottesdienstes einführten. Sie wurde in der Mitte des vorigen Jahrhunderts begründet und vertieft durch Abraham Geiger und seine Mitarbeiter, zu denen auch mein Vater*) gehörte. Seit den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts war die Bewegung zum Stillstand gekommen aus leicht erklärlichen Gründen. Zu dieser Zeit kam der Antisemitismus auf, und alle Interessen und Kräfte der deutschen Juden mußten sich auf die Abwehr des äußeren Feindes konzentrieren . Inneren religiösen Zu¬ *) Dr. Rothschild, Rabbiner in Aachen. ständen ernste Beachtung zu schenken, darauf konnte man sich nicht einlassen. Wenn der Feind eine Festung belagert, dann müssen die Belagerten sich darauf beschränken, daß die Außenwerke der Festung im guten Verteidigungszustand erhalten bleiben, mag darüber in dem Innern manches vernachlässigt werden und verkommen. Ueber den Arbeiten und Aufgaben sich gegen den Antisemitismus zu wehr zu setzen, mußten die innern religiösen Zustände übersehen und vernachlässigt werden. Inzwischen haben wir uns mit dem Antisemitismus, der uns anfangs so heftig erregte, allmählich abgefnnden, wie man ein körperliches Gebrechen, das anfangs viel Leid bereitet, mit der Zeit ertragen lernt. ) Nun konnte man daran gehen, sich die Frage vorzulegen, ob die in den letzten 30 Jahren eingehaltene Methode des laisssr faire, laisser aller, also den Dingen ruhig und gleichgültig ihren Lauf zu lassen, hinsichtlich unserer religiösen Zustände auch die richtige war. Da ging nun von einer Anzahl liberaler Rabbiner der Weckruf aus, daß es so nicht weitergehen könne, daß es ein ungesunder und unerträglicher Zustand ist, daß wahrend in Wirklichkeit 9/io der deutschen