Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 5 (1913)
- Issue
- Heft 3 (März 1913)
- Date
- 1913-03-01
- Page
- Seite 72 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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Rundschau: Hamburg 72 o o o o Orthodoxie habe niemals die Wissenschaft verachtet, sie habe sich nur nicht jeder neuen Hypothese gebeugt! Gleich darauf aber wollte er den orthodoxen Standpunkt mit der Hypothese der evolutionistischen Geschichtsauffassung begründen!! Herr Auerbach hielt eine donnernde Philippika gegen das liberale Judentum und verlas einen Protest von angeblich 70 (!) (nach Bericht von Augenzeugen waren es nur 30!) jungen orthodoxen Herren, denen der Zutrick zur Versammlung versagt worden war. (Da nur mit persönlichen Eintrittskarten eingeladen woren war). Herr Delbanco warf dem Vorredner Verletzung des Gastrechts und Respektlosigkeit vor dem Vorsitzenden vor, da er schon verschiedentlich durch Zwischenrufe gestört habe. Herr Sonn machte darauf aufmerksam, daß gegen die liberale Jugend bis auf einen orthodoxen Redner bisher nur ältere Herren ■ gesprochen hätten. Frl. Marcus sagte, daß sie, trotzdem sie eine gute jüdische Schule besucht habe, vom Judentum so gut wie nichts wüßte. Daher finde sie es anerkennenswert, daß sich junge Leute zusammentun, um das Judentum wieder kennen zu lernen. Denn das sei doch schließlich das notwendigste! Als ein Monist, Herr Hertz, das Rednerpult bestieg, verließen Herr Dberrabbiner Dr. Lerner und Herr Auerbach ostentativ den Saal. Redner verlangt sofortige Rückkehr dieser Herren, da er von ihnen Aufschluß haben wolle. Als die Herren nicht kamen, warf Redner der Orthodoxie die unglaubliche Unkenntnis moderner Wissenschaft und Scheu vor der Wahrheit vor. — Daß Herr Gberrabbiner Dr. Lerner Moses Mendelssohn als Gesetzestreuen proklamiere, widerspräche dem Schlüsse der Rede des Herrn Rabb. Dr. Lerner, denn gerade Mendelssohns Familie wurde sehr bald getauft. Inzwischen war die Zeit recht vorgeschritten, und allgemeiner Aufbruch machte sich bereits bemerkbar. Der Vorsitzende erteilt Herrn Dr. Rieger das Wort, das zum Schlußwort wurde, da bei Ablauf der Redezeit für Diskussionsredner ein Antrag auf Schluß der Debatte, aber auf erweiterte Redezeit für Dr. Rieger eingereicht worden war, der von der Versammlung angenommen wurde. Herr Dr. Rieger bedauerte, daß Herr Dr. Lerner vorzeitig die Versammlung verlassen habe. Er widerlegte die Verbalinspiration mit dem Beleg aus der Bibel, daß während dieses heiligen Aktes das Volk ein goldenes Kalb angebetet habe. Daß die liberale Auffassung von der Offenbarung eine christliche darstelle, sei grundfalsch. Eher ließe sich Nachweisen, daß die orthodoxe Auffassung von „Thatfro min haschomajim" mit der christlichen Auffassung von der „Ausgießung des heiligen Geistes" identisch sei. Daß der Oberrabbiner von Altona uns Liberalen empfehle, Mendelssohn, Graetz, Zunz usw. zu lesen, sei als ein bedeutsamer Fortschritt zum Liberalismus zu begrüßen. Zu ihren Lebzeiten seien die Schriften dieser Männer von der Orthodoxie mit Bannflüchen belegt und sogar verbrannt worden. Ein Zeichen für die Unhaltbarkeit der Behauptung, daß die Orthodoxie „unwandelbar" und „ewig stabil" sei. Ebenso sei es mit dem Gottesdienst in den Synagogen, der heute nach liberalem Muster geführt werde. Thorgesang, predigt, Religionsunterricht, jüdische Wissenschaft, die Schaffung der Vereinigungen zur Verteidigung der Gleichberechtigung und zum Schutze der verfolgten Glaubensbrüder, seien im wesentlichen Leistungen des Liberalismus, welche die Orthodoxie anerkennen müsse und zum wesentlichsten Teile sich bereits angeeignet habe. Es sei mithin Tatsache, daß die Orthodoxie vom Liberalismus vorwärts gerissen werde, ein Zeichen für die Berechtigung, Notwendigkeit und fröhliche Lebenskraft des „liberalen Judentums!" Der Vorsitzende, Herr Dr. Müller, schloß die Versammlung kurz vor Mitternacht. Trotzdem wiederholt von orthodoxer Seite.der versuch gemacht worden war, die Versammlung zu stören, war das Ergebnis des Abends überaus erfreulich, da sich viele neue Mitglieder der Jugendorganisation angeschlossen haben, sodaß dieselbe nach einem Jahre des Bestehens bereits (20 Mitglieder Zählt. Herausgegeben von der Vereinigung für das liberale Judentum Berlin W. 8, Mauerstraße 49. Für die Redaktion und den Verlag verantwortlich vr. C. Seligmann, Frankfurt a. M., Friedrichstr. 29. Druck und Expedition von Voigt & Gleiber, Frankfurt a. M., Bieber-Gasfe 9.