Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 3 (1911)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1911)
- Date
- 1911-05-01
- Page
- Seite 99 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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99 Ar. Goldwann: Zionismus oder Fibrraliswns? Liberalismus, der in unseren Tagen wieder beginnt, seine Aufgabe und Verantwortung klar zu erkennen, in die Welt hinauszutreten und zur Förderung eines positiven Judentums beizutragen. Aber der Unterschied zwischen beiden Bewegungen liegt darin, daß der Zionismus Bedeutung und Eigenart des Judentums verkennt, der Liberalismus sie dagegen unterstreicht. Zwischen diesen beiden wird der Kampf um die Zukunft des Judentums ausgefochten werden. Andere Parteien kommen nicht in Betracht. Die Orthodoxie erstarrt immer mehr, und obwohl sie weder von den Zionisten noch den Liberalen als Gegner angesehen oder bekämpft wird, ist ihre Blühe groß genug, um ihre kleinen Kreise zu erhalten, geschweige denn, daß sie in den Arbeiten für die Erhaltung des ganzen Judentums irgendwie in Frage käme, und die konservative Mittelxartei, soweit sie nicht aus streng orthodoxen oder liberalen Elementen besteht, die sich aus irgend welchen Gründen ihrer eigentlichen Partei fernhalten, ist ein politisches Zeitgebilde, das wegen der Abwesenheit jeglichen klaren und positiven Programms weder große Anhängerscharen noch auch mehr als lokale Bedeutung gewinnen kann, und demgemäß höchstens für die Lösung von Zeitfragen, keinesfalls aber für die der großen Probleme des Judentums ernsthaft zu zählen ist. Und wenn es nun bei diesem Kampfe zwischen Liberalismus und Zionismus sich nicht um eine Kraftprobe und Machtfrage handelt, sondern wenn die gerechte Sache den Sieg davontragen soll, so kann man keinen Augenblick darüber zweifelhaft sein, wohin die Entscheidung sich neigen muß, wenn man sich die Endziele beider Richtungen klar macht: Der Zionismus will die Religion opfern, um einen Krähwinkel st aat zu erreichen. Der Liberalismus aber baut logisch weiter auf der Vergangenheit und will dasjenige im Judentum lebenskräftig und wirksam gestalten, was ihm eigentümlich ist, was für Judentum und Menschheit Wert besitzt. Der Liberalismus will die Religion des Judentums und damit das Judentum erhalten! Damit ist allerdings durchaus nicht gesagt, daß das Judentum nur religiöse Aufgaben besitzt, und daß der Liberalismus in rein religiösen Arbeiten allein seine Kräfte erweisen solle. Auch eine Religionsgemeinschaft hat ihre eminent wichtigen sozialen Ziele, ist doch gerade die jüdische Religion diejenige gewesen, welche den Begriff der sozialen Fürsorge überhaupt erst zu einem religiösen gemacht hat. Religion ist aber nicht nur ein Sozialgebilde, sondern sie hat auch den Menschen als Individuum zu beeinflussen und zu erziehen, und darum steht auch die Erweckung des Selbstbewußtseins und die Bekämpfung jeder Würdelosigkeit auf dem Programm einer jeder ernsthaften religiösen Bewegung. Daß nun der Liberalismus diese Aufgaben sozialer und individualer Natur angeblich verkennt und mißachtet, macht der Zionismus ihm zum Vorwurf und leitet daraus teilweise sogar seine eigene Existenzberechtigung her. vergleichen wir auf diesen Gebieten die Arbeit der Liberalen und der Zionisten, fragen wir uns, wer alles bisher Bestehende geschaffen hat, oder — da ja der Zionismus schließlich als Partei erst etwa fünfzehn Jahre besteht — um nicht ungerecht zu sein, wer heute am eifrigsten für die oben genannten Ziele arbeitet. Das Meiste, was bisher auf dem Gebiete der Wohltätigkeit, der Kolonisation und der Hebung des Selbstbewußtseins geschehen ist, ging von liberalen Juden aus, liberale Juden stehen an der Spitze und wenn sie auch erfreulicherweise die Unterstützung der orthodoxen Kreise immer mehr finden, über die der Zionisten können