Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 9 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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überdies Judentum JTlonatsfchrift für die religiösen Interellen des Judentums herausgegeben van der Vereinigung für das liberale Judentum in Deuffdiland unter der Redaktion van vr. Caefar Seligmann, Rabbiner in Frankfurt a. Hl. No. 9. Jahrgang l. 1909. Das Reformjudentum und die deutfdie Judenheit. Von Dr. Kohler-Cincinnati. Cincinnati, den 7. März My. Sehr geschätzter Herr Kollege'. Endlich finde ich die Zeit und Muße, Ihrem mir vor mehreren Monaten brieflich geäußerten Wunsch, für Ihr „Liberales Judentum" einen Beitrag zu liefern, willfahren zu können, und ich glaube den rechten Ton dadurch anzuschlagen, daß ich an eine vor Jahren in New-Hork gehaltene Rede anknüpfe und nur ein zeitgemäßes Schlußwort beifüge oder etwa noch ein passendes Vorwort vorausschicke: Das Reformjudentum und die deutsche Judenheit. Das ist mein Thema. Und da sei mir die Vorbemerkung gestattet, daß, während ich mit den begeisterten Wortführern des liberalen Judentums in vollem Einklang mich befinde, der Name Reformjudentum für mich einen volleren Klang besitzt. ClaudeMontefiore, mein hochgeschätzter Freund in London, schrieb sein Liberal Iudaism doch mehr als Laie. Für eine Vereinigung der freisinnigen Elemente des modernen Judentums ist der etwas unbestimmte oder unklare Begriff liberal gerade wegen seiner Dehnbarkeit recht weise gewählt. Gilt es jedoch den Begriff der Freisinnigkeit oder des Liberalismus im Judentum zum Prinzip zu erheben, auf oder aus dem ein festes System aufgebaut werden soll, dann scheint mir der Name ungenügend. Die leitende Idee oder das Prinzip des liberalen Judentums ist der auf die Erfüllung seiner geschichtlichen Weltmission hinzielende Fortschritt, gestützt auf die Erkenntnis feiner steten Verjüngungskraft. Diese Idee finde ich im Namen Reformjudentum ausgesprochen, und deshalb möchte ich ihn auf das Banner des liberalen Judentums geschrieben sehen. Mit einem seltsamen Ausspruch kündigt Gott in der Schrift dem Ahn Abraham den Untergang von Sodom und Gomorrha an: „Soll Ich Abraham verbergen, was Ich tue? Durch ihn sollen ja alle Völker der Erde gesegnet werden. Ich habe ihn ja ausersehen, daß er seinen Kindern befehle, den weg Gottes zu wahren. Recht und Gerechtigkeit zu üben!" Eine Welt ist im versinken begriffen, doch der Geist der Gerechtigkeit steigt siegend aus den Ruinen, um in Abrahams Geschlecht weltbelebend fortzuwirken durch die Jahrtausende. Das ist der Sinn der dunklen Worte. Die Völker, die Zeiten