Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 6 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 142 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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142 Rundschau o © o Rundfchau. n Bayern setzt eine überaus rührige Propaganda ein. Von Nürnberg aus wird folgender Aufruf verbreitet: Am 3. Mai d. I. hat eine aus ganz Deutschland zahlreich beschickte Versammlung religiös-liberal gesinnter Israeliten zu Berlin beschlossen, eine Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland zu begründen. Auch in unserem bayerischen vaterlande bedarf es eines solch engeren Zusammenschlusses aller derer, die in ihren religiösen Anschauungen auf dem Boden des liberalen Judentums stehen, Wohl ist dies ohnehin schon die überwiegende Mehrzahl unserer Glaubensgenossen im Lande. Trotzdem ist in der letzten Zeit versucht worden, in der Geffentlichkeit den Anschein zu erwecken, als ob die orthodoxe Lebensanschanung sowohl innerhalb des Judentums die allein berechtigte, wie auch nach dem Landesgesetze die allein zulässige und maßgebende sei. Diesem Vorgehen gegenüber sehen sich die bayerischen Israeliten liberaler Richtung ganz besonders gezwungen, auf das stärkste zu betonen, daß der religiöse Liberalismus in: Judentum nicht aus der Neuerungssucht einiger, an Zahl geringer Kreise hervorgegangen ist, daß er vielmehr seine Berechtigung aus de:i: Wesen und der geschichtlichen Entwicklung des Judentums entnimmt, somit einen vollberechtigten Faktor im Leben der deutschen Juden d a r st e l l t und in unserem engeren Vaterland weitaus die Mehrheit der Bekenner des Judentums zu seinen Anhängern zählt. Doch nicht bloß zur öffcntli ch e n Bekundung dieser Tatsachen, sondern auch im Interesse des innere n religiösen und Gemeindelebens erweist sich der Zusammenschluß aller liberaler Gesinnungsgenossen als notwendig. Dem liberalen Gedanken soll dadurch ein mächtiger Resonanzboden geschaffen, den liberalen Forderungen im Gemeindeleben Nachdruck und Autorität verliehen und den liberalen Führern der Beweis erbracht werden, daß eine große Gesamtheit hinter ihnen steht. Jede Unduldsamkeit verwerfend und Andersdenkenden die Möglichkeit voller Betätigung ihrer Anschauungen gewährend, müssen die liberal denkenden Israeliten Bayerns in Stadt und Land durch einmütiges Zusammenstehen dahin wirken, daß das Gemeindeleben und die gemeindlichen Einrichtungen auch weiterhin und stärker noch im Sinne des liheralen Judentums ausgebaut werden. Denn dadurch, daß die überlieferten religiösen Gedanken und Satzungen, Formen und Institutionen mit dem Denken, Empfinden und den Lebensmöglichkeiten unserer Zeit pietätvoll ausgeglichen werden, besteht für uns die sichere Gewähr, daß das Judentum als eine Lebensmacht in der Gegenwart und für die Zukunft erhalten werde. Zur Betätigung solcher Anschauungen müssen die liberalen Gemeindemitglieder gemeinsam ihre Kräfte einsetzen, dadurch den: Indifferentismus in den Gemeinden steuern, sowie dem Abfall Vorbeugen. Auch den Frauen muß der ihnen am religiösen und Gemeindeleben gebührende Anteil voll gewährt werden, und die Unterweisung der Jugend ist so zu gestalten, daß auch diese bei unbeschränkter Gingabe an die Fortschritte der Kultur und Wissenschaft ihrem angestannnten Glauben mit aufrichtiger Liebe und unerschütterlicher Treue zugetan bleibe. Zur Verwirklichung aller dieser Grundsätze ist es geboten, in den Kultusgemeinden unseres bayerischen Vaterlandes Vereinigungen liberal gesinnter Männer und Frauen zu begründen, die für die Verbreitung und Kräftigung der fortschrittlichen Auffassung des Judentums und — unter Berü ck s ichtignng der lokalen Verhältnisse — für den Ausbau des Gemeindelebens und der Gemeindeinstitutionen in liberalen: Sinne wirken sollen. Durch den Anschluß solcher Vereinigungen als Ortsgruppen an die Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland soll zugleich ein größeres einigendes Band hergestellt und die Sache des religiösen Liberalismus im gesamten deutschen Judentum gefördert werden. Die Unterzeichneten haben es übernommen, die Begründung solcher Vereinigungen in die Ivege zu leiten. Möchten